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Unsicherheit und Risiko · Vertiefung

Entscheidungstheorie verständlich erklärt

Was die Entscheidungstheorie über gute Entscheidungen sagt, wie sich ihre Modelle entwickelt haben und was du davon im Alltag nutzen kannst.

Stand · David Rudolph, KI-gestützte Erstellung · rund 7 Minuten Lesezeit

Thomas führt eine Druckerei mit 35 Beschäftigten. Er überlegt, eine neue Digitaldruckmaschine zu kaufen. Ein Berater legt ihm eine Rechnung vor: drei Nachfrageszenarien, Wahrscheinlichkeiten, Erwartungswerte. Thomas hört zu und sagt dann: „Ich kaufe nur, wenn mein größter Kunde den Rahmenvertrag verlängert.“ Der Berater hält das für unwissenschaftlich. Thomas hält die Rechnung für Theorie. Wer hat recht?

Beispiel frei erfunden.

Was ist der Unterschied zwischen normativ und deskriptiv?

Die normative Entscheidungstheorie fragt: Wie sollte jemand wählen, der seine Ziele kennt und folgerichtig denkt? Die deskriptive Entscheidungstheorie fragt: Wie wählen Menschen tatsächlich? Beide Fragen ergänzen sich. Wer weiß, wie Menschen abweichen, kann seine eigenen Entscheidungen besser prüfen.

Was eine Entscheidung grundsätzlich ausmacht, beschreibt die Seite Was ist eine Entscheidung?.

Bei Thomas prallen diese beiden Sichten aufeinander. Der Berater argumentiert normativ: So sollte man rechnen. Thomas entscheidet so, wie Menschen in der Praxis oft vorgehen: mit einer klaren Bedingung, die das Wichtigste abdeckt.

Ein Bild aus dem Alltag: Ein Navigationsgerät berechnet die schnellste Route. Das ist die normative Sicht. Viele Fahrer nehmen trotzdem den gewohnten Weg, weil sie ihn kennen und keine Überraschung erleben wollen. Das ist die deskriptive Sicht. Beides kann vernünftig sein, je nachdem, was dem Fahrer wichtig ist.

MerksatzNormativ heißt, wie man wählen sollte. Deskriptiv heißt, wie man tatsächlich wählt.

Wie haben sich die Modelle entwickelt?

Die Entscheidungstheorie hat sich über mehrere Stationen entwickelt. Am Anfang stand die Idee, Optionen nach ihrem erwarteten Nutzen zu vergleichen. Später zeigte die Forschung, dass Menschen mit begrenzter Zeit und Information anders vorgehen. Heute stehen beide Sichten nebeneinander.

Zeitleiste der Modelle

JahrStationKernidee
1738Daniel BernoulliDer Nutzen von Geld steigt nicht gleichmäßig mit seinem Betrag.
1921Frank KnightRisiko hat bekannte Wahrscheinlichkeiten, Unsicherheit hat keine.
1944John von Neumann und Oskar MorgensternErwartungsnutzen als Regel für folgerichtiges Entscheiden unter Risiko.
1955Herbert SimonMenschen haben begrenzte Information und Rechenkraft und suchen deshalb zufriedenstellende Lösungen.
1979Daniel Kahneman und Amos TverskyMenschen bewerten Gewinne und Verluste gegenüber einem Bezugspunkt, Verluste wiegen schwerer.
2014Shabnam Mousavi und Gerd GigerenzerUnter Unsicherheit können einfache Faustregeln besser abschneiden als aufwendige Rechnungen.

Lies die Tabelle von oben nach unten.

Vom Rechnen mit Nutzen zur Frage, wie Menschen tatsächlich entscheiden.

Auswahl von T1Leaders. Die Zeitleiste ist nicht vollständig.

Für Führungskräfte ist vor allem der Befund von 1979 greifbar. Ein Verlust von 10.000 Euro fühlt sich für viele Menschen stärker an als ein Gewinn in gleicher Höhe. Wer das weiß, kann in Besprechungen nachfragen, ob eine Option nur deshalb abgelehnt wird, weil ihre möglichen Verluste lauter klingen als ihre möglichen Gewinne. Auch der Bezugspunkt zählt: Dasselbe Ergebnis wirkt als Gewinn oder als Verlust, je nachdem, womit man es vergleicht.

Die Theorie des Erwartungsnutzens ist bis heute die Grundlage vieler Rechnungen in Unternehmen. Wie man damit konkret rechnet, erklärt Erwartungswert und Wahrscheinlichkeiten. Wie Faustregeln funktionieren und wo sie in die Irre führen, liest du unter Heuristiken.

MerksatzDie Modelle passen zu unterschiedlichen Lagen und ergänzen sich.

BegriffWas er beschreibtVerhältnis zur Entscheidungstheorie
Entscheidungstheoriewie gewählt werden sollte und wie tatsächlich gewählt wirdder Begriff, um den es auf dieser Seite geht
SpieltheorieEntscheidungen, deren Ergebnis vom Verhalten anderer abhängtein Teilgebiet, das strategische Wechselwirkung betont
Verhaltensökonomiewie Menschen in wirtschaftlichen Lagen tatsächlich handelnstützt sich stark auf die deskriptive Entscheidungstheorie
Entscheidungsanalysepraktische Verfahren wie Entscheidungsbäume und Nutzwertanalysenwendet die normative Theorie auf konkrete Fälle an
Rationale Entscheidungeine Wahl, die zu den eigenen Zielen und Informationen passtein Grundbegriff, dessen Bedeutung je nach Modell schwankt

Abgrenzung von T1Leaders.

Was davon hilft dir in der Praxis?

In der Praxis hilft vor allem eine Frage: Welche Lage habe ich vor mir? Wenn Wahrscheinlichkeiten bekannt sind, lohnt das Rechnen. Wenn sie fehlen und die Zeit knapp ist, sind gute Faustregeln oft die bessere Wahl. Der folgende Entscheidungsbaum hilft bei der Einordnung.

Welches Modell hilft mir?

FrageBei JaBei Nein
1. Lassen sich Wahrscheinlichkeiten aus vielen ähnlichen Fällen schätzen?Erwartungswert rechnenweiter mit Frage 2
2. Zählen mehrere Ziele, die sich nicht in Geld ausdrücken lassen?Nutzwertanalyseweiter mit Frage 3
3. Gibt es einen Hinweis, der wichtiger ist als alle anderen?Faustregel mit klarer BedingungSzenarien und kleine Schritte

Geh die Tabelle von oben nach unten durch.

Erst die Lage einordnen, dann das Werkzeug wählen.

Arbeitsregel von T1Leaders.

Thomas und der Berater haben also beide ein Stück weit recht. Für die Druckerei gibt es keine Daten aus vielen ähnlichen Fällen. Ob die Nachfrage nach Digitaldruck in der Region wächst, lässt sich kaum schätzen. Der Rahmenvertrag des größten Kunden ist dagegen ein Hinweis, der wichtiger ist als alle anderen: Ohne ihn trägt sich die Maschine nicht. Thomas nutzt eine Faustregel, die diesen Hinweis prüft. Die Rechnung des Beraters bleibt trotzdem nützlich, weil sie zeigt, wie viel Auslastung die Maschine braucht.

Ob eine Entscheidung rational ist, hängt also davon ab, welches Modell man zugrunde legt. Mehr dazu auf der Seite Rationale Entscheidung.

MerksatzRechnen, wo Daten tragen. Faustregeln nutzen, wo ein Hinweis alles andere überragt.

Gegenmittel

So nutzt du Entscheidungstheorie im Alltag

  1. Die Lage einordnen: Gibt es Erfahrungswerte aus vielen ähnlichen Fällen?
  2. Bei Risiko rechnen: Erwartungswert und schlechtesten Fall nebeneinander betrachten.
  3. Bei mehreren Zielen gewichten: Kriterien festlegen, bevor du die Optionen bewertest.
  4. Bei Unsicherheit den wichtigsten Hinweis suchen: Welche eine Bedingung muss erfüllt sein?
  5. Abweichungen prüfen: Wiegt ein möglicher Verlust für dich schwerer als ein gleich großer Gewinn? Dann prüf, ob das in dieser Lage berechtigt ist.

Situationsfrage

  1. Eine Hausverwaltung muss entscheiden, ob sie für 200 Wohnungen Rauchmelder mit Funkprüfung einbaut. Hersteller und Versicherer liefern Daten zu Ausfallraten und Wartungskosten aus vielen Gebäuden. Wie geht sie am besten vor?

    1. ANach Bauchgefühl entscheiden, weil Rechnungen nur Theorie sind.
    2. BErwartete Kosten beider Varianten aus den vorhandenen Daten berechnen und den schlechtesten Fall prüfen.
    3. CAbwarten, bis alle Nachbarn umgerüstet haben.
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Es gibt Daten aus vielen ähnlichen Fällen, also lohnt das Rechnen. Antwort A verschenkt vorhandenes Wissen. Antwort C ersetzt eine eigene Entscheidung durch Nachahmung.

Häufige Fragen

Was ist der Erwartungsnutzen?

Der Erwartungsnutzen gewichtet den Nutzen jedes möglichen Ergebnisses mit seiner Wahrscheinlichkeit. Nach der normativen Theorie wählt man die Option mit dem höchsten Erwartungsnutzen.

Was bedeutet begrenzte Rationalität?

Der Begriff geht auf Herbert Simon zurück. Er beschreibt, dass Menschen nur begrenzt Information sammeln und verarbeiten können und deshalb nach Lösungen suchen, die gut genug sind.

Welche Entscheidungsregeln gibt es unter Unsicherheit?

Lehrbücher nennen vor allem zwei Regeln. Die Maximin-Regel wählt die Option, deren schlechtester Fall am wenigsten schlimm ist. Die Maximax-Regel wählt die Option mit dem besten möglichen Ergebnis. Beide kommen ohne Wahrscheinlichkeiten aus.

Quellen

  1. Simon, H. A. (1955). A behavioral model of rational choice. Quarterly Journal of Economics, 69(1), 99-118. DOI 10.2307/1884852. Oxford Academic
  2. Kahneman, D. und Tversky, A. (1979). Prospect theory: An analysis of decision under risk. Econometrica, 47(2), 263-292. Econometric Society
  3. Mousavi, S. und Gigerenzer, G. (2014). Risk, uncertainty, and heuristics. Journal of Business Research, 67(8), 1671-1678. DOI
  4. Knight, F. H. (1921). Risk, Uncertainty and Profit. Boston: Houghton Mifflin. Econlib
  5. von Neumann, J. und Morgenstern, O. (1944). Theory of Games and Economic Behavior. Princeton: Princeton University Press.

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