Führung und Team · Vertiefung
Entscheiden gegen die Mehrheit: wann und wie
Wann eine Führungskraft gegen die Meinung ihres Teams entscheiden darf, nach welchen Kriterien, wie sie es erklärt und was danach passieren muss.
Donnerstag, 17:00 Uhr, Konferenz einer städtischen Musikschule. Birgit leitet die Schule mit 28 Lehrkräften. Die Stadt bindet ihren Zuschuss künftig daran, dass die Schule auch Kurse an Grundschulen anbietet. Birgit schlägt vor, dafür zwei Nachmittage pro Woche umzuplanen. In der Meinungsrunde sprechen sich 19 Lehrkräfte dagegen aus. Sie fürchten um den Einzelunterricht. Birgit hat die Runde als Beratung angekündigt.
Beispiel frei erfunden.
Wann darf eine Führungskraft gegen die Mehrheit entscheiden?
Die Mehrheit ist ein wichtiges Signal. Zur Entscheidungsregel wird sie erst, wenn ein Mehrheitsverfahren vereinbart ist. Eine Führungskraft trägt Verantwortung, die über die Meinung im Raum hinausgeht: gegenüber der Organisation, gegenüber Menschen, die nicht im Raum sitzen, und gegenüber Vorgaben, die das Team vielleicht nicht kennt.
Bei Birgit trifft das zu. Die Lehrkräfte sehen ihren Unterricht. Birgit sieht zusätzlich die Bedingung der Stadt, ohne deren Zuschuss die Schule Stellen streichen müsste. Diese Information verändert die Abwägung.
Victor Vroom beschreibt in seinem Modell zur Beteiligung, dass Gruppenentscheidungen weniger geeignet sind, wenn die Beteiligten die Ziele der Organisation nicht teilen. Über die Sorgen des Kollegiums ist damit nichts entschieden. Birgit trägt eine Verantwortung, die sie nicht an die Mehrheit abgeben kann.
Es gibt auch Lagen, in denen die Mehrheit den Ausschlag geben sollte. Manche Entscheidungen betreffen vor allem das Team selbst, etwa die Gestaltung eines Raums oder die Verteilung von Urlaubswochen. Stehen keine äußeren Vorgaben entgegen, spricht dort wenig dafür, gegen die Mehrheit zu entscheiden. Je mehr eine Entscheidung über das Team hinausreicht, desto eher liegt sie bei der Führungskraft.
MerksatzDie Mehrheit gehört in die Abwägung. Die Verantwortung bleibt bei dir.
Nach welchen Kriterien entscheidest du?
Bevor du gegen die Mehrheit entscheidest, hilft die Vier-Fragen-Probe. Fällt eine Frage negativ aus, solltest du die Entscheidung überdenken oder das Verfahren ändern.
Vier-Fragen-Probe
| Frage | Wenn ja | Wenn nein |
|---|---|---|
| Liegt die Entscheidung in meiner Verantwortung? | weiter | die zuständige Stelle einbeziehen |
| Habe ich Gründe, die ich offenlegen kann? | weiter | Entscheidung überdenken |
| Habe ich vorher Beratung angekündigt und keine Abstimmung? | weiter | das Ergebnis respektieren oder offen erklären, warum das Verfahren geändert wird |
| Gibt es einen Zeitpunkt, an dem wir gemeinsam prüfen? | entscheiden | Prüfpunkt festlegen |
Die Fragen stehen in der Tabelle.
Arbeitsregel von T1Leaders.
Die dritte Frage ist heikel. Wer eine Abstimmung ankündigt und das Ergebnis dann übergeht, beschädigt das Vertrauen in jedes künftige Beteiligungsverfahren. Birgit hat die Runde als Beratung angekündigt. Damit ist klar, dass sie am Ende entscheidet.
Ein weiteres Kriterium ist die Qualität der Gegenargumente. Wenn die Mehrheit ein Risiko benennt, das du übersehen hast, ist das ein Grund, die eigene Sicht zu ändern. Gruppen können sich aber auch zu schnell einig werden. Wie das passiert, erklärt Gruppendenken.
MerksatzWer Beratung ankündigt, darf anders entscheiden. Wer eine Abstimmung ankündigt, setzt ihr Ergebnis um.
Wie erklärst du die Entscheidung?
Die Erklärung entscheidet darüber, ob die Mehrheit die Entscheidung mitträgt. Drei Teile helfen: den eigenen Grund offenlegen, die Gegenmeinung ausdrücklich würdigen und sagen, was du aus ihr übernimmst.
Birgit erklärt in der nächsten Konferenz: „Ich habe mich für die Grundschulkurse entschieden. Ohne sie verliert die Schule den Zuschuss der Stadt und damit drei Stellen. Eure Sorge um den Einzelunterricht nehme ich ernst. Deshalb bleiben alle Einzelstunden erhalten, die Kurse kommen zusätzlich, und niemand muss mehr als einen Nachmittag umplanen.“
So wird aus der Gegenmeinung eine Bedingung, die in die Entscheidung eingeflossen ist. Vor der Konferenz spricht Birgit außerdem mit den drei Lehrkräften, die am deutlichsten widersprochen haben. So erfahren sie die Entscheidung nicht erst vor allen anderen, und Birgit kann ihre Einwände noch einmal in Ruhe hören. Wie du unbeliebte Entscheidungen insgesamt vermittelst, zeigt Unpopuläre Entscheidungen kommunizieren.
Was muss danach passieren?
Nach der Entscheidung zählt, wie die Führungskraft mit den Folgen umgeht. Wer gegen die Mehrheit entschieden hat, steht besonders in der Verantwortung, wenn es schiefgeht. Hilfreich ist ein vereinbarter Prüfpunkt, an dem alle gemeinsam auf Ergebnisse schauen. Wie das aussieht, steht unter Verantwortung übernehmen.
Für die Zusammenarbeit danach eignet sich der Grundsatz Disagree and Commit: Widerspruch wird festgehalten, und alle arbeiten an der Umsetzung. Birgit hält im Protokoll fest, welche Befürchtungen genannt wurden. Nach einem Halbjahr schaut das Kollegium gemeinsam auf Anmeldezahlen und Belastung.
Nach dem Halbjahr zeigt sich: Die Grundschulkurse sind ausgebucht, zwei Lehrkräfte berichten von höherer Belastung. Das Kollegium verlegt einen Kurs auf den Vormittag. Die Entscheidung bleibt, ihre Umsetzung wird angepasst.
Ein Bild aus dem Alltag: Eltern entscheiden manchmal gegen den Willen ihrer Kinder, etwa beim Fahrradhelm. Sie erklären warum, nehmen den Ärger ernst und schauen nach einer Weile, ob sich der Streit gelegt hat.
MerksatzWer gegen die Mehrheit entscheidet, schaut mit ihr gemeinsam auf das Ergebnis.
Gegenmittel
So entscheidest du gegen die Mehrheit
- Vier-Fragen-Probe machen: Mandat, Gründe, Ankündigung, Prüfpunkt.
- Gegenargumente ernsthaft prüfen und, wo möglich, in die Entscheidung einbauen.
- Den eigenen Grund offenlegen, ehrlich und konkret.
- Die Gegenmeinung ausdrücklich würdigen.
- Einen gemeinsamen Prüfpunkt vereinbaren.
Grenzen
Wo liegen die Grenzen?
- Angekündigte Abstimmung: Wer eine Abstimmung zugesagt hat, muss das Ergebnis respektieren oder offen erklären, warum er davon abweicht.
- Fehlende Gründe: Ohne Gründe, die sich offenlegen lassen, wirkt eine Entscheidung gegen die Mehrheit wie Willkür.
- Rechtliche Mitbestimmung: Manche Entscheidungen brauchen die Zustimmung von Gremien, etwa eines Personalrats. Dort reicht die Entscheidung der Führungskraft nicht.
- Wiederholung: Wer ständig gegen die Mehrheit entscheidet, sollte prüfen, ob die Beteiligung überhaupt ernst gemeint ist.
- Organisationale Grenze: Wer hat das Mandat? Manchmal liegt die Entscheidung bei einer höheren Stelle. Schutz im Prozess: das Mandat vor der Runde klären.
Situationsfrage
Ein Abteilungsleiter lässt sein Team über das neue Bürokonzept abstimmen und kündigt an, das Ergebnis umzusetzen. Das Team stimmt für feste Arbeitsplätze. Er entscheidet sich trotzdem für wechselnde Plätze. Was ist das Hauptproblem?
- AFeste Arbeitsplätze sind immer besser.
- BEr hat eine Abstimmung angekündigt und das Ergebnis übergangen. Damit verliert jedes künftige Beteiligungsverfahren an Glaubwürdigkeit.
- CEr hätte gar nicht fragen sollen.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Er bricht das angekündigte Verfahren, auch wenn die Entscheidung selbst vertretbar sein mag. Antwort A ist eine Sachmeinung ohne Bezug zum Verfahren. Antwort C übersieht, dass Beteiligung wertvoll ist, wenn sie ehrlich angekündigt wird.
Häufige Fragen
Darf eine Führungskraft gegen das Team entscheiden?
Ja, wenn die Entscheidung in ihrer Verantwortung liegt, sie die Gründe offenlegt und vorher keine Abstimmung angekündigt hat.
Wie erkläre ich meinem Team eine Entscheidung gegen seine Meinung?
Den eigenen Grund nennen, die Gegenmeinung würdigen, sagen, was du davon übernimmst, und einen gemeinsamen Prüfpunkt vereinbaren.
Verliere ich Vertrauen, wenn ich gegen die Mehrheit entscheide?
Nicht zwangsläufig. Vertrauen leidet vor allem, wenn ein angekündigtes Verfahren gebrochen wird oder die Gründe unklar bleiben.
Quellen
- Vroom, V. H. (2004). Decision Making: The Vroom-Yetton-Jago Models. In: Encyclopedia of Leadership, SAGE, 322-325. SAGE Knowledge
- Schulz-Hardt, S., Brodbeck, F. C., Mojzisch, A., Kerschreiter, R. und Frey, D. (2006). Group decision making in hidden profile situations: Dissent as a facilitator for decision quality. Journal of Personality and Social Psychology, 91, 1080-1093. Arbeitspapier LMU
Vormerkliste
Neues zuerst erfahren
Trag dich ein, dann erfährst du zuerst, wenn es im Themenfeld „Führung und Team“ Neues gibt und wann das Training für Führungsteams buchbar ist. Wir schreiben nur, wenn es etwas Neues gibt.