Resilienz · Vertiefung
Resilienz für Führungskräfte: Muster und Strategien
Fünf Belastungsmuster, die in Führungsrollen immer wieder auftauchen, mit je einer Gegenstrategie und Hinweisen, wie du Resilienz auch im Team förderst.
Thomas leitet eine Brauerei mit 600 Beschäftigten, die zu einem Getränkekonzern gehört. Die Konzernzentrale hat ein Sparprogramm verordnet, der Betriebsrat ist alarmiert, zwei große Handelsketten drücken die Preise. Thomas ist abends bis spät erreichbar, entscheidet täglich Dutzende Fragen und spricht mit niemandem offen über seine Zweifel. Er merkt, dass seine Geduld abnimmt. Er will wissen, wo genau die Kraft verloren geht.
Beispiel frei erfunden.
Was belastet Führung besonders?
Führung bringt Belastungen mit sich, die viele andere Rollen in dieser Form nicht kennen. Führungskräfte tragen Verantwortung für Menschen, treffen viele Entscheidungen mit unsicherem Ausgang und stehen zwischen den Erwartungen von oben und unten. Hinzu kommt oft eine hohe Erreichbarkeit.
Ein gut untersuchter Gegenpol ist Erholung. Sabine Sonnentag und Charlotte Fritz beschreiben vier Erfahrungen, die Erholung ausmachen: von der Arbeit abschalten, entspannen, Neues lernen und selbst über die freie Zeit bestimmen. Gerade das Abschalten fällt in Führungsrollen oft schwer.
Für Thomas ist das ein Hinweis. Seine Erreichbarkeit bis spät abends verhindert eine Erfahrung, die ihm Kraft zurückgeben könnte.
Welche fünf Belastungsmuster sind typisch?
Fünf Muster tauchen in Führungsrollen immer wieder auf. Sie wirken oft zusammen und können sich gegenseitig verstärken. Für jedes gibt es eine Gegenstrategie, die du direkt ausprobieren kannst.
Fünf Muster, fünf Gegenstrategien
| Muster | Woran du es erkennst | Gegenstrategie |
|---|---|---|
| Dauerverfügbarkeit | Du liest abends und am Wochenende Nachrichten und antwortest sofort | feste Zeiten ohne Erreichbarkeit, Vertretung für echte Notfälle klären |
| Entscheidungslast | Du entscheidest täglich viele kleine Fragen selbst | Entscheidungsregeln festlegen und Kleines delegieren |
| Sandwichposition | Du vertrittst Vorgaben, die du selbst kritisch siehst | Bedenken nach oben klar äußern und Spielräume nach unten offen benennen |
| Einsamkeit in der Rolle | Niemand gibt dir ehrliche Rückmeldung | eine Person außerhalb der Hierarchie als Sparringspartner suchen |
| Keine Schwäche zeigen | Du verbirgst Zweifel und Erschöpfung | gegenüber einer Vertrauensperson offen sprechen, Unsicherheit im Team dosiert zeigen |
Lies die Tabelle und markiere das Muster, das dich gerade am meisten Kraft kostet.
Zusammenstellung von T1Leaders. Die Muster sind aus der Praxis abgeleitet und kein geprüftes Modell.
Thomas erkennt sich in allen fünf Mustern. Am stärksten kostet ihn die Entscheidungslast: Jede Frage zur Schichtplanung landet bei ihm. Wie sich viele Entscheidungen auf den Tag auswirken und was dazu belegt ist, erklärt Entscheidungsmüdigkeit. Erreichbarkeit und Erholung planst du mit Stressmanagement für Führungskräfte.
Ein Hinweis zur Arbeitszeit: Das Arbeitszeitgesetz schreibt nach Ende der täglichen Arbeitszeit eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden vor. Für leitende Angestellte im Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes gilt das Arbeitszeitgesetz nicht (§ 18 ArbZG). Als Richtwert für die eigene Erholung taugt die Regel trotzdem.
Das zweite Muster, das Thomas stark spürt, ist die Sandwichposition. Er soll das Sparprogramm in der Brauerei umsetzen und hält einen Teil davon für falsch. Lange hat er beides für sich behalten: seine Kritik gegenüber der Zentrale und seine Zweifel gegenüber dem Team. Das kostet doppelt Kraft. Jetzt schreibt er der Geschäftsführung eine klare Stellungnahme mit zwei Alternativen. Seinem Führungskreis sagt er offen, welche Punkte feststehen und wo es noch Spielraum gibt.
Die Gegenstrategien wirken selten sofort. Thomas probiert zwei Wochen lang feste Abende ohne Erreichbarkeit aus. In der ersten Woche kommen mehr Rückfragen am Morgen. In der zweiten Woche hat sich das Team daran gewöhnt, und die Schichtleitung löst viele Fragen selbst.
MerksatzFang mit dem Muster an, das dich am meisten Kraft kostet.
Wie förderst du Resilienz im Team?
Resilienz im Team förderst du vor allem über die Bedingungen: ein Klima, in dem Probleme früh angesprochen werden, eine faire Verteilung der Last und Pausen, die respektiert werden. Wer im Team offen über Fehler und Belastung sprechen kann, braucht weniger Kraft, um den Schein zu wahren.
Amy Edmondson hat dieses Klima als psychologische Sicherheit beschrieben: die geteilte Überzeugung im Team, dass man zwischenmenschliche Risiken eingehen kann, etwa eine Frage stellen oder einen Fehler zugeben. Mehr dazu unter Psychologische Sicherheit im Team.
Eine Führungskraft wirkt dabei als Vorbild. Wer selbst nachts Mails schreibt, setzt einen Maßstab, auch ohne es auszusprechen. Wer selbst Pausen macht und das sagt, macht sie für andere leichter. Wie Thomas das Sparprogramm als konkrete Lage angehen kann, zeigt die Situation Budgetkürzung.
Gegenmittel
So gehst du vor
- Dein stärkstes Muster benennen: eine der fünf Zeilen auswählen.
- Eine Gegenstrategie zwei Wochen ausprobieren, zum Beispiel zwei feste Abende ohne Erreichbarkeit.
- Einen Sparringspartner suchen: eine Person außerhalb deiner Hierarchie, mit der du offen sprichst.
- Routinen aufbauen, die Entscheidungen und Erholung tragen. Mehr dazu unter Selbstführung.
- Im Team Bedingungen verbessern: Last verteilen, Pausen schützen, Fehler offen besprechen.
Situationsfrage
Eine Abteilungsleiterin beantwortet seit Monaten jeden Abend Nachrichten aus dem Team, oft bis 23 Uhr. Sie schläft schlecht und ist morgens müde. Was ist ein sinnvoller erster Schritt?
- ANoch schneller antworten, damit abends weniger liegen bleibt.
- BFeste Zeiten ohne Erreichbarkeit einführen, eine Vertretung für Notfälle benennen und das im Team ankündigen.
- CEin Wochenende Urlaub nehmen und danach weitermachen wie bisher.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Das Muster ist Dauerverfügbarkeit. Antwort A verstärkt es. Antwort C bringt kurz Entlastung, ändert aber nichts am Muster. Antwort B setzt eine verlässliche Grenze und sorgt dafür, dass echte Notfälle trotzdem abgedeckt sind.
Hilfe
Wann solltest du dir Hilfe holen?
Hol dir Unterstützung, wenn Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Schlafprobleme über Wochen anhalten und auch im Urlaub nicht nachlassen. Das gilt auch, wenn du merkst, dass du Dinge, die dir früher Freude gemacht haben, kaum noch genießen kannst. Gerade Führungskräfte zögern oft lange. Früh Hilfe zu holen schützt dich und dein Team.
Häufige Fragen
Was bedeutet Resilienz im Beruf?
Resilienz im Beruf heißt, mit Belastungen der Arbeit so umzugehen, dass Gesundheit und Leistungsfähigkeit über lange Zeit erhalten bleiben. Sie hängt von eigenen Gewohnheiten und von den Arbeitsbedingungen ab.
Wie können Arbeitgeber Resilienz am Arbeitsplatz fördern?
Vor allem über die Bedingungen: machbare Arbeitsmengen, verlässliche Pausen, ein offenes Klima und Führungskräfte, die Belastung ernst nehmen. Trainings können gute Bedingungen ergänzen.
Brauchen Führungskräfte ein eigenes Resilienztraining?
Nicht unbedingt. Hilfreicher ist oft, die eigenen Belastungsmuster zu kennen und gezielt anzugehen. Was Trainings leisten, erklärt Resilienztraining.
Quellen
- Sonnentag, S. und Fritz, C. (2007). The Recovery Experience Questionnaire. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204-221. KOPS
- Wendsche, J. und Lohmann-Haislah, A. (2017). A meta-analysis on antecedents and outcomes of detachment from work. Frontiers in Psychology. Frontiers
- Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350-383.
- Arbeitszeitgesetz, § 5 Ruhezeit: gesetze-im-internet.de
- Krisentelefone und Anlaufstellen: Familienportal des Bundesfamilienministeriums
- Arbeitszeitgesetz, § 18 Nichtanwendung des Gesetzes: gesetze-im-internet.de
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