Methoden · Vertiefung
Pre-Mortem: Risiken finden, bevor sie eintreten
Wie dein Team Schwachstellen eines Plans findet, indem es so tut, als sei er schon gescheitert.
In 43 Sekunden erklärt
Was im Video gesagt wird
Alle sind dafür. Niemand sieht ein Risiko.
Pre-Mortem: Stell dir vor, es ist gescheitert. Sechs Monate später. Was ist passiert?
Schritt 1, Gründe sammeln: Jede Person schreibt allein. Jeder Grund zählt. (Hätte keiner gesagt)
Schritt 2, Die wichtigsten auswählen: Was ist wahrscheinlich? Was wiegt schwer?
Schritt 3, Den Plan anpassen: Vor dem Start, nicht danach.
Die Regel: Erst scheitern lassen, dann starten. Im Kopf, nicht im Projekt.
Weiterlesen: Pre-Mortem: So gehst du vor.
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Can leitet bei einem Großhandel für Gastronomiebedarf die Einführung eines Online-Bestellsystems. In acht Wochen sollen 300 Restaurants im Portal bestellen, bisher läuft alles per Telefon und Fax. Die Software läuft im Test, die Schulungen sind geplant. In der letzten Projektsitzung waren alle zuversichtlich. Can traut der Stimmung nicht ganz. Wie findet er heraus, was das Team nicht ausspricht?
Beispiel frei erfunden.
Warum funktioniert das Pre-Mortem?
Das Pre-Mortem funktioniert, weil es die Frage ändert. „Was könnte schiefgehen?“ lädt zu vorsichtigen Antworten ein. „Es ist schiefgegangen. Warum?“ macht aus Bedenken eine Erklärung, die gesucht wird.
Die Forschenden Mitchell, Russo und Pennington zeigten 1989, dass Menschen mehr Gründe für ein Ereignis finden, wenn sie sich vorstellen, es sei bereits eingetreten. Im Vergleich zur Frage, ob es eintreten könnte, nannten sie in der Studie von 1989 rund 30 Prozent mehr Gründe. Die Qualität der Gründe haben die Forschenden dabei nicht geprüft (Mitchell, Russo und Pennington, 1989).
Ein Bild aus dem Alltag: Vor einem Umzug fragst du dich, was schiefgehen könnte, und denkst an den Transporter. Stellst du dir vor, der Umzugstag sei ein Desaster gewesen, fallen dir mehr Dinge ein. Der fehlende Parkplatz, der Kellerschlüssel, die Waschmaschine, die nicht durch die Tür passt.
Dazu kommt ein sozialer Effekt. Wer im Projektteam Zweifel äußert, gilt schnell als Bremser. Im Pre-Mortem ist Zweifeln die Aufgabe. Wie Gruppen Bedenken sonst unterdrücken, liest du unter Gruppendenken.
Wie läuft ein Pre-Mortem ab?
Ein Pre-Mortem dauert 45 bis 60 Minuten und hat fünf Schritte. Die stille Einzelarbeit am Anfang verhindert, dass die ersten Wortmeldungen alle anderen prägen.
Pre-Mortem-Generator mit Leitfragen
| Schritt | Dauer | Leitfrage für die Moderation |
|---|---|---|
| 1. Szenario setzen | 5 Minuten | „Es ist [Datum in einem Jahr]. [Projekt] ist gescheitert, deutlich und für alle sichtbar. Wir schauen zurück.“ |
| 2. Still schreiben | 10 Minuten | „Schreibt jeden Grund für das Scheitern auf eine eigene Karte. Auch die unbequemen.“ |
| 3. Reihum sammeln | 15 Minuten | „Jede Person nennt einen Grund, dann die nächste. Keine Diskussion, nur Rückfragen zum Verständnis.“ |
| 4. Bewerten | 10 Minuten | „Welche drei Gründe sind am wahrscheinlichsten, und welche hätten den größten Schaden?“ |
| 5. Maßnahmen festlegen | 15 Minuten | „Was tun wir ab morgen, damit dieser Grund nicht eintritt? Wer kümmert sich bis wann?“ |
Nutze die Tabelle unten als Moderationskarte und setze Projektname und Datum selbst ein.
Bei Can kommen in Schritt 3 vierzehn Gründe zusammen. Drei tauchen mehrfach auf: Ältere Restaurantinhaber wollen nicht am Bildschirm bestellen. Die Außendienstler fürchten, überflüssig zu werden, und werben nicht für das Portal. Und der Artikelstamm im Portal hat andere Bezeichnungen als die Preislisten, die die Kunden kennen.
Keiner dieser Punkte stand im Risikoregister. Der zweite kam von einer Außendienstlerin, die in der Projektsitzung geschwiegen hatte.
MerksatzDie Gründe, die mehrere Personen unabhängig aufschreiben, verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Wie unterscheidet sich das Pre-Mortem von einer Risikoanalyse?
Eine klassische Risikoanalyse fragt, was passieren könnte, und bewertet Wahrscheinlichkeit und Schaden. Das Pre-Mortem setzt früher an: Es sammelt Gründe, die im normalen Risikoregister fehlen, weil niemand sie aussprechen mag. Beide ergänzen sich.
| Merkmal | Klassische Risikoanalyse | Pre-Mortem |
|---|---|---|
| Ausgangsfrage | Was könnte schiefgehen? | Es ist schiefgegangen. Warum? |
| Typische Form | Liste mit Wahrscheinlichkeit und Schaden | stille Einzelarbeit, dann Sammeln in der Runde |
| Stärke | vollständige, bewertete Übersicht bekannter Risiken | unbequeme und übersehene Gründe kommen auf den Tisch |
| Schwäche | blendet heikle Themen oft aus | ohne anschließende Bewertung bleibt es eine Sammlung |
Bei Can wandern die drei häufigsten Gründe aus dem Pre-Mortem ins Risikoregister. Dort bekommen sie Wahrscheinlichkeit, Schaden und eine verantwortliche Person. Wenn eine eigene Gruppe den Plan gezielt angreifen soll, passt Red Teaming besser.
MerksatzDas Pre-Mortem füllt das Risikoregister mit dem, was sonst niemand hineinschreibt.
Grenzen
Wann führt ein Pre-Mortem in die Irre?
- Pre-Mortem als Pflichtübung: Werden die Gründe gesammelt und nie in Maßnahmen übersetzt, entsteht nur ein gutes Gefühl.
- Zu spät angesetzt: Ist der Vertrag unterschrieben und das Budget verbraucht, kann das Team kaum noch etwas ändern.
- Nur das Projektteam: Wer den Plan geschrieben hat, sieht seine blinden Flecken schlecht. Hole mindestens eine Person dazu, die nicht beteiligt war.
- Übertriebene Schwarzmalerei: Nicht jeder genannte Grund ist wahrscheinlich. Ohne Bewertung in Schritt 4 wird aus dem Pre-Mortem ein Katalog von Befürchtungen.
- Organisationale Grenze: Kritik ohne Schutz. In manchen Teams dient das Pre-Mortem dazu, herauszufinden, wer „nicht an Bord“ ist. Danach sagt niemand mehr etwas. Schutz im Prozess: Die Leitung schreibt selbst mit und nennt in Schritt 3 als Erste einen Grund, der ihren eigenen Anteil betrifft. Die Karten werden ohne Namen ausgewertet.
Gegenmittel
So setzt du das Pre-Mortem um
- Zeitpunkt wählen: wenn der Plan steht, aber noch änderbar ist.
- Runde zusammenstellen: Projektteam plus mindestens eine unbeteiligte Person.
- Szenario klar setzen: Das Projekt ist gescheitert, deutlich und für alle sichtbar.
- Stille Phase einhalten: zehn Minuten Schreiben, ohne Gespräch.
- Maßnahmen mit Namen und Datum festlegen und die gewichtigen Gründe in Abbruchkriterien übersetzen. Wie du übertriebene Zuversicht im Team erkennst, steht unter Overconfidence Bias.
Situationsfrage
Du moderierst ein Pre-Mortem für eine Preiserhöhung bei Stammkunden. Wie beginnst du?
- A„Was könnte bei der Preiserhöhung eventuell schiefgehen? Wer möchte anfangen?“
- B„Es ist ein Jahr später. Die Preiserhöhung ist gescheitert, wir haben viele Stammkunden verloren. Schreibt in zehn Minuten still auf, warum es so gekommen ist.“
- C„Ich bin sicher, dass die Preiserhöhung klappt. Lasst uns trotzdem kurz über Risiken reden.“
Auflösung anzeigen
Antwort B. Antwort A stellt die übliche Risikofrage und lässt die Lautesten zuerst sprechen. Antwort C signalisiert, dass Bedenken unerwünscht sind. Antwort B setzt das Scheitern als Tatsache und schützt die Einzelnen durch die stille Phase.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Pre-Mortem und Post-Mortem?
Ein Post-Mortem wertet ein Projekt aus, nachdem es gescheitert oder abgeschlossen ist. Ein Pre-Mortem findet vor dem Start statt und nimmt das Scheitern nur an. So bleibt Zeit, den Plan zu ändern. Für die Auswertung danach eignet sich ein After Action Review.
Wer hat das Pre-Mortem erfunden?
Bekannt gemacht hat es der Psychologe Gary Klein 2007 mit einem Artikel in der Harvard Business Review. Er stützte sich auf Forschung zur vorweggenommenen Rückschau von Mitchell, Russo und Pennington aus dem Jahr 1989.
Wie viele Personen sollten teilnehmen?
Für ein moderiertes Pre-Mortem eignen sich etwa fünf bis zwölf Personen. Bei größeren Gruppen helfen kleinere Untergruppen in der stillen Phase und beim Sammeln.
Quellen
- Klein, G. (2007). Performing a project premortem. Harvard Business Review, September 2007. Überblick: Wikipedia, Pre-mortem
- Mitchell, D. J., Russo, J. E. und Pennington, N. (1989). Back to the future: Temporal perspective in the explanation of events. Journal of Behavioral Decision Making, 2(1), 25-38.
- Veinott, B., Klein, G. A. und Wiggins, S. (2010). Beitrag zur 7. International ISCRAM Conference.
- Collins, J., Corporate Behavioural Science, Kapitel „The premortem“, mit Einordnung der Studienlage: corporate.jcx.au
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