Denkfehler · Vertiefung
Verfügbarkeitsheuristik
Warum dir spektakuläre Risiken größer erscheinen als häufige und wie ein Blick in die eigenen Zahlen das Bild geraderückt.
Mittwoch, Spedition mit 60 Lkw. In der Regionalzeitung steht ein großer Bericht über eine Bande, die nachts ganze Ladungen von Rastplätzen stiehlt. Auch ein Kunde der Spedition war betroffen. Fuhrparkleiterin Sandra soll bis Freitag ein Budget von 120.000 Euro für Sicherheit verplanen.
Der Geschäftsführer will GPS-Sender und verstärkte Planen für alle Fahrzeuge. Sandra blättert in der Schadensliste der letzten drei Jahre. Diebstahl kam einmal vor. Rangierschäden auf dem eigenen Hof stehen 47-mal in der Liste. Warum spricht trotzdem alle Welt vom Diebstahl?
Beispiel frei erfunden, Zahlen zur Veranschaulichung.
Wie funktioniert die Verfügbarkeitsheuristik?
Die Verfügbarkeitsheuristik funktioniert über eine Abkürzung im Gedächtnis. Dein Kopf prüft, wie leicht ihm Beispiele einfallen, und nimmt das als Maß für die Häufigkeit. Was schnell kommt, wirkt häufig.
Meist ist das eine gute Faustregel. Was oft passiert, erlebst du oft, also fällt es dir leicht ein. Die Regel kippt, wenn etwas aus anderen Gründen leicht einfällt: weil es neu ist, spektakulär, emotional oder gerade in den Nachrichten.
Ein Bild aus dem Alltag: Nach einem Bericht über einen Hai-Angriff baden viele Menschen vorsichtiger im Meer. Die Fahrt zum Strand mit dem Auto beunruhigt sie kaum, obwohl der Verkehr das alltäglichere Risiko ist.
Tversky und Kahneman zeigten das 1973 unter anderem mit einer einfachen Frage: Gibt es mehr englische Wörter, die mit K beginnen, oder mehr, bei denen K an dritter Stelle steht? Viele Befragte schätzten die Wörter mit K am Anfang als häufiger ein. Solche Wörter fallen leichter ein, weil wir Wörter über ihren Anfang abrufen. In typischen Texten kommen Wörter mit K an dritter Stelle aber etwa doppelt so oft vor.
MerksatzDein Gedächtnis sucht nach Beispielen. Was es schnell findet, hält es für häufig.
Ist es die Menge der Beispiele oder wie leicht sie einfallen?
Es kommt vor allem darauf an, wie leicht die Beispiele einfallen. Das zeigte ein Experiment von Norbert Schwarz und Kollegen aus dem Jahr 1991 auf überraschende Weise.
Die Teilnehmenden sollten entweder sechs oder zwölf Situationen aufschreiben, in denen sie sich durchsetzungsstark verhalten hatten. Sechs fielen leicht, zwölf fielen schwer. Danach schätzten sie ein, wie durchsetzungsstark sie sind. Wer nur sechs Beispiele aufgeschrieben hatte, hielt sich für durchsetzungsstärker als die, die sich mühsam zwölf abgerungen hatten. Bei der Aufgabe, Beispiele für zurückhaltendes Verhalten zu nennen, drehte sich das Muster um.
Für Sandra heißt das: Der Zeitungsbericht macht den Diebstahl leicht vorstellbar. Die 47 Rangierschäden sind langweilig und einzeln kaum erinnerbar. Im Kopf des Geschäftsführers wiegt der eine dramatische Fall schwerer als die vielen gewöhnlichen.
Schätzaufgabe Risiken
| Schadensart (Beispiel Spedition) | Geschätzt vom Geschäftsführer | Laut Schadensliste, drei Jahre |
|---|---|---|
| Ladungsdiebstahl | 5 | 1 |
| Rangierschäden auf dem Hof | 10 | 47 |
| Glasschäden unterwegs | 8 | 12 |
Schreibe drei Risiken aus deinem Bereich auf und schätze, wie oft jedes im letzten Jahr eingetreten ist. Hole danach die tatsächliche Zahl aus einer Liste, einem Ticketsystem oder einer Statistik. Wo liegst du am weitesten daneben?
Werte frei gewählt zur Veranschaulichung.
Wie unterscheidet sich die Verfügbarkeitsheuristik von ähnlichen Begriffen?
Die Verfügbarkeitsheuristik betrifft Schätzungen von Häufigkeit und Risiko. Verwandte Begriffe beschreiben Zahlen als Ausgangspunkt, fehlende Fälle in den Daten oder Faustregeln allgemein.
| Begriff | Was er beschreibt | Verhältnis zur Verfügbarkeitsheuristik |
|---|---|---|
| Verfügbarkeitsheuristik | Häufigkeit wird danach geschätzt, wie leicht Beispiele einfallen. | der Begriff, um den es auf dieser Seite geht |
| Heuristik | Eine Faustregel, die Informationen bewusst weglässt. | Oberbegriff: Die Verfügbarkeit ist eine bestimmte Heuristik |
| Survivorship Bias | Nur die Fälle, die übrig geblieben sind, werden sichtbar. | Die fehlenden Fälle kommen in den Daten gar nicht erst vor |
| Ankereffekt | Eine zuerst genannte Zahl zieht die Schätzung an. | wirkt über eine vorgegebene Zahl, die Verfügbarkeit über das eigene Gedächtnis |
Warum Faustregeln meist helfen und manchmal schaden, erklärt die Seite Heuristiken.
Wann wird die Verfügbarkeit im Unternehmen teuer?
Teuer wird die Verfügbarkeitsheuristik, wenn Budgets und Prioritäten nach dem letzten auffälligen Ereignis verteilt werden. Dann fließt Geld in den Schutz vor dem Seltenen, während das Häufige weiterläuft.
Dass sich diese Verzerrung schwer abstellen lässt, zeigten Sarah Lichtenstein und Kollegen 1978 an Todesursachen. Seltene Ursachen wurden überschätzt, häufige unterschätzt. Die Verzerrung blieb auch bestehen, als die Befragten ausdrücklich davor gewarnt wurden (Lichtenstein et al., 1978).
Typische Beispiele aus Unternehmen: Nach einem großen Kundenverlust wird der Vertrieb umgebaut, obwohl viele Kunden still wegen schlechter Erreichbarkeit gehen. Nach einem Hackerangriff bei einem Wettbewerber wird teure Technik gekauft, während viele Ausfälle aus veralteter Hardware kommen. Wie solche Lagen im Krisenfall entschieden werden, zeigt der Fall Cyberangriff am Freitagabend.
Organisationale Grenze: der Zahlenkult. Wer nur nach Häufigkeit entscheidet, übersieht seltene Risiken mit großer Wirkung. Ein einzelner Brand kann einen Betrieb vernichten, auch wenn er in der Liste der letzten drei Jahre nicht vorkommt. Schutz im Prozess: Risiken nach Häufigkeit und nach möglichem Schaden bewerten, getrennt und schriftlich. Seltene Risiken mit großem Schaden bekommen einen eigenen Abschnitt, damit sie weder übertrieben noch vergessen werden. Mehr dazu unter Schwarze Schwäne.
MerksatzHäufigkeiten holst du aus der Liste. Für seltene, schwere Risiken brauchst du einen eigenen Blick.
Gegenmittel
So steuerst du gegen: vier Schritte
- Hole die Zahlen. Schadenslisten, Tickets, Statistiken: Was ist tatsächlich wie oft passiert?
- Frage nach dem Grund der Aufmerksamkeit. Warum fällt dir gerade dieses Beispiel ein? Weil es häufig ist oder weil es neu und dramatisch war?
- Trenne Häufigkeit und Schwere. Bewerte beides getrennt, bevor du ein Budget verteilst.
- Lasse jemanden die alltäglichen Fälle vortragen. Eine Person, die täglich mit den Schäden zu tun hat, sieht oft andere Prioritäten als die Leitung.
Übung
Mini-Experiment am eigenen Bereich
Nach einem Bericht über einen großen Datenabfluss bei einem Onlineshop will dein Chef sofort ein teures Sicherheitspaket kaufen. Im Ticketsystem deiner IT stehen im letzten Jahr 300 Ausfälle durch volle Festplatten und abgelaufene Zertifikate und kein Sicherheitsvorfall. Was schlägst du vor?
- ADas Sicherheitspaket sofort kaufen, das Risiko ist offensichtlich.
- BHäufigkeit und möglichen Schaden für beide Risiken getrennt bewerten und das Budget danach aufteilen, mit einem Anteil für die häufigen Ausfälle.
- CDen Bericht ignorieren, weil bei euch noch nichts passiert ist.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Antwort A folgt dem Eindruck aus dem Bericht. Antwort C übersieht, dass ein seltener Vorfall großen Schaden anrichten kann. Antwort B bringt Häufigkeit aus den Daten und Schwere aus der Abwägung zusammen.
Häufige Fragen
Was ist die Verfügbarkeitsheuristik einfach erklärt?
Die Verfügbarkeitsheuristik bedeutet: Was dir schnell einfällt, hältst du für häufig. Nach Berichten über Flugzeugabstürze halten viele das Fliegen für gefährlicher, obwohl sich am Risiko nichts geändert hat.
Wer hat die Verfügbarkeitsheuristik entdeckt?
Amos Tversky und Daniel Kahneman beschrieben sie 1973. Sie gehört zu den drei Faustregeln, die die beiden 1974 in ihrem bekannten Artikel über Urteile unter Unsicherheit zusammenfassten.
Was ist der Unterschied zwischen Verfügbarkeitsheuristik und Repräsentativitätsheuristik?
Bei der Verfügbarkeit schätzt du nach der Leichtigkeit, mit der Beispiele einfallen. Bei der Repräsentativität schätzt du danach, wie typisch etwas für eine Gruppe wirkt. Beide sind Abkürzungen, die meist helfen und manchmal systematisch fehlleiten.
Quellen
- Tversky, A. und Kahneman, D. (1973). Availability: A heuristic for judging frequency and probability. Cognitive Psychology, 5(2), 207-232. Überblick: Wikipedia
- Schwarz, N., Bless, H., Strack, F., Klumpp, G., Rittenauer-Schatka, H. und Simons, A. (1991). Ease of retrieval as information: Another look at the availability heuristic. Journal of Personality and Social Psychology, 61(2), 195-202.
- Lichtenstein, S., Slovic, P., Fischhoff, B., Layman, M. und Combs, B. (1978). Judged frequency of lethal events. Journal of Experimental Psychology: Human Learning and Memory, 4(6), 551-578. Scholars' Bank
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