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T1Leaders

Druck und Krise · Vertiefung

Situational Awareness: die Lage erfassen, bevor du entscheidest

Was Situational Awareness bedeutet, wie die drei Ebenen aufeinander aufbauen, wo typische Fehler entstehen und wie du eine Lage vollständiger erfasst.

Stand · David Rudolph, KI-gestützte Erstellung · rund 6 Minuten Lesezeit

Sonntag, 16:10 Uhr. Birgit ist Schichtleiterin im Leitstand eines Klärwerks. Auf den Bildschirmen läuft alles im grünen Bereich. Eine Wetterwarnung kündigt für den Abend Starkregen an. Ein Pumpwerk am Stadtrand meldet seit einer Stunde einen leicht erhöhten Füllstand, gelb markiert. Birgit telefoniert gerade mit einem Kollegen wegen eines Personalengpasses. Die gelbe Meldung sieht sie zwar, aber sie denkt nicht weiter darüber nach.

Beispiel frei erfunden.

Was bedeutet Situational Awareness?

Situational Awareness beschreibt, wie gut jemand eine Lage erfasst. Der Begriff stammt aus der Luftfahrt und wurde von der Ingenieurpsychologin Mica Endsley geprägt. Sie beschrieb 1995 in einer viel zitierten Arbeit drei Ebenen, die aufeinander aufbauen.

EbeneFrageBeispiel bei Birgit
1. WahrnehmenWas passiert gerade? Welche Informationen sind wichtig?gelbe Meldung des Pumpwerks, Wetterwarnung
2. VerstehenWas bedeutet das zusammen?Das Pumpwerk ist schon vor dem Regen stärker belastet als sonst.
3. VorhersehenWie entwickelt sich die Lage in der nächsten Zeit?Bei Starkregen könnte das Pumpwerk in wenigen Stunden überlaufen.

Ebenen nach Endsley (1995), Beispiel von T1Leaders.

Wo entstehen die typischen Fehler?

Auf jeder Ebene können Fehler entstehen, unterschiedlich häufig. Endsley berichtete 1995, dass bei Flugunfällen großer Fluggesellschaften mit Pilotenfehlern 72 Prozent der Probleme mit dem Lagebewusstsein auf der ersten Ebene lagen. Wichtige Informationen wurden also gar nicht erst wahrgenommen.

Fehler auf drei Ebenen

EbeneTypischer FehlerGegenmittel
WahrnehmenInformation wird übersehen, weil die Aufmerksamkeit woanders istfeste Blickroutine: in festen Abständen alle Anzeigen und Meldungen prüfen
WahrnehmenInformation ist nicht verfügbar oder schlecht sichtbarwichtige Meldungen so gestalten, dass sie auffallen
VerstehenInformation wird bemerkt, aber falsch gedeutetlaut aussprechen, was eine Meldung bedeutet, und nachfragen
Vorhersehenaktuelle Lage richtig verstanden, Entwicklung nicht abgeschätztfragen: Was passiert in einer, zwei, vier Stunden?

Lies die Tabelle.

Die meisten Fehler passieren ganz unten.

Fehlerarten nach Endsley (1995) und dem FAA-Bericht von 1997, Gegenmittel von T1Leaders.

Birgit hat einen Fehler auf der ersten Ebene gemacht, der nahe an der Grenze zur zweiten liegt. Sie hat die gelbe Meldung gesehen und ihr keine Beachtung geschenkt. Der Grund ist naheliegend: Ihre Aufmerksamkeit lag beim Personalengpass. Unter Druck kann sich der Blick zusätzlich verengen, mehr dazu unter Stress und Entscheidungen.

Ein Bild aus dem Alltag: Wer beim Autofahren telefoniert, sieht die Straße. Ob er das Kind am Straßenrand bemerkt, das gleich einen Ball holen will, ist eine andere Frage. Wahrnehmen heißt, das Gesehene auch zu bemerken.

Fehler auf den höheren Ebenen sind seltener und können schwere Folgen haben. Wer eine Meldung falsch deutet, handelt mit voller Überzeugung in die falsche Richtung. Und wer die Lage richtig versteht, aber ihre Entwicklung nicht abschätzt, reagiert zu spät. Erfahrene Menschen haben hier einen Vorteil: Sie kennen typische Verläufe und erkennen früher, wohin eine Lage sich bewegt. Unerfahrene können diese Lücke teilweise schließen, indem sie bewusst nach der Entwicklung fragen.

Wie stärkst du dein Lagebewusstsein im Team?

Im Team hilft vor allem, das Lagebild regelmäßig auszusprechen. Wenn eine Person sagt, wie sie die Lage sieht, können andere ergänzen oder widersprechen. So fallen Lücken auf, die einer allein übersehen hätte. In Cockpits gehört das zum Crew Resource Management.

In Krisen übernimmt oft eine Person die Aufgabe, das Lagebild zu führen und regelmäßig vorzutragen. Wie das in einem Krisenstab aussieht, zeigt Einen Krisenstab aufbauen. Lagebewusstsein ist außerdem die Grundlage für die Orientierung im OODA-Loop.

Birgit nutzt eine einfache Regel. Nach jedem Telefonat geht sie einmal alle gelben und roten Meldungen durch und stellt sich die drei Fragen: Was sehe ich? Was bedeutet es? Was passiert in den nächsten Stunden? An diesem Sonntag führt das dazu, dass sie um 16:30 Uhr die Pumpen im Außenwerk vorsorglich hochfährt und den Bereitschaftsdienst informiert.

BegriffWas er beschreibtVerhältnis zur Situational Awareness
Situational AwarenessWahrnehmen, Verstehen und Vorhersehen einer Lageder Begriff, um den es auf dieser Seite geht
Aufmerksamkeitworauf sich jemand gerade konzentriertVoraussetzung für die erste Ebene
Lagebildgemeinsame Darstellung der Lage in einem Teamdas Ergebnis, wenn mehrere ihr Lagebewusstsein zusammenführen
Achtsamkeitbewusste Wahrnehmung des Moments, oft der eigenen Gedankenverwandt, aber weniger auf eine äußere Lage und deren Entwicklung bezogen

Abgrenzung von T1Leaders.

Gegenmittel

So schärfst du dein Lagebewusstsein

  1. Blickroutine festlegen: in festen Abständen alle wichtigen Meldungen und Zahlen prüfen.
  2. Drei Fragen stellen: Was sehe ich? Was bedeutet es? Was passiert als Nächstes?
  3. Das Lagebild aussprechen: im Team kurz sagen, wie du die Lage siehst.
  4. Gelbe Meldungen ernst nehmen: Sie sind oft frühe Zeichen.
  5. Nach Unterbrechungen neu beginnen: nach jedem Telefonat oder Gespräch einmal den Blick über alles schweifen lassen.

Übung

Übung „Eine Lage in drei Ebenen“

  1. Lies die Lage: Ein Onlinehändler bemerkt am Freitagmittag, dass die Zahl der Bestellungen seit einer Stunde langsam sinkt. Gleichzeitig steigen die Anfragen beim Kundenservice. Am Abend beginnt eine große Rabattaktion. Welche Aussage gehört zur dritten Ebene, dem Vorhersehen?

    1. ADie Bestellungen sinken, die Anfragen steigen.
    2. BVermutlich gibt es ein Problem im Bestellvorgang, das Kunden zum Kundenservice treibt.
    3. CWenn das Problem bis zum Abend bleibt, wird die Rabattaktion viele Kunden verärgern und den Kundenservice überlasten.
    Auflösung anzeigen

    Antwort C. Antwort A beschreibt die erste Ebene, das Wahrnehmen. Antwort B ist die zweite Ebene, das Verstehen. Antwort C schaut voraus und zeigt, warum jetzt gehandelt werden sollte.

Testfragen

Wie gut ist dein Lagebewusstsein?

Denke an die letzte schwierige Lage in deinem Bereich. Trifft die Aussage zu? Ja oder nein. Es gibt keinen Gesamtwert. Bei jedem Nein zeigt dir die Übung einen Ansatz.

  1. Ich habe eine feste Routine, um wichtige Meldungen regelmäßig zu prüfen.

    Antwort

    Ansatz: eine Blickroutine für die drei wichtigsten Kennzahlen festlegen.

  2. Ich frage mich, was eine Meldung für die nächsten Stunden bedeutet.

    Antwort

    Ansatz: die drei Fragen an jede gelbe Meldung stellen.

  3. Ich weiß, wie Stress meinen Blick verengt.

    Antwort

    Ansatz: Stress und Entscheidungen

  4. Im Team sprechen wir unser Lagebild regelmäßig aus.

    Antwort

    Ansatz: Crew Resource Management

  5. In Krisen gibt es bei uns eine Person, die das Lagebild führt.

    Antwort

    Ansatz: Einen Krisenstab aufbauen

Ein Reflexionswerkzeug ohne wissenschaftliche Validierung. Deine Antworten werden nicht gespeichert.

Häufige Fragen

Was heißt Situational Awareness auf Deutsch?

Lagebewusstsein oder Situationsbewusstsein. Gemeint ist, eine Lage wahrzunehmen, zu verstehen und ihre Entwicklung abzuschätzen.

Wer hat das Modell der Situational Awareness entwickelt?

Das Modell mit drei Ebenen geht auf die Ingenieurpsychologin Mica Endsley zurück. Ihre viel zitierte Arbeit dazu erschien 1995 in der Fachzeitschrift Human Factors.

Wie kann man Situational Awareness trainieren?

Mit festen Blickroutinen, den drei Fragen zu jeder wichtigen Meldung und dem regelmäßigen Aussprechen des Lagebilds im Team. Übungen an Lagebeschreibungen helfen, die drei Ebenen zu unterscheiden.

Quellen

  1. Endsley, M. R. (1995). Toward a theory of situation awareness in dynamic systems. Human Factors, 37(1), 32-64. TRID, Transportation Research Board
  2. Endsley, M. R. und Rodgers, M. D. (1997). Distribution of attention, situation awareness, and workload in a passive air traffic control task. FAA, DOT/FAA/AM-97/13. FAA

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