Unsicherheit und Risiko · Vertiefung
Entscheiden, wenn Informationen fehlen
Wie du erkennst, welche Lücke deine Entscheidung gefährdet, welche du schließen solltest und mit welcher du leben kannst.
In 43 Sekunden erklärt
Was im Video gesagt wird
Noch eine Analyse. Noch ein Report. Dann entscheide ich.
Faktencheck: Mehr Daten, bessere Entscheidung? Nicht automatisch.
Grund 1 / 2: Der Nutzen flacht ab. Jede weitere Zahl bringt meist weniger.
Grund 2 / 2: Das Rauschen wächst mit. Mehr Signale, mehr Ablenkung.
Was hilft: Frag vorher: Was würde kippen? Welche Info würde deine Wahl ändern?
Faustregel: Kippt nichts mehr? Genug gesammelt. Dann entscheide.
Weiterlesen: Entscheiden mit unvollständigen Informationen.
T1Leaders. Wissen für Entscheidungen mit Folgen.
Martin führt ein Familienhotel im Allgäu mit 48 Zimmern. Der Wellnessbereich ist in die Jahre gekommen. Ein Umbau würde etwa 900.000 Euro kosten. Vor der Entscheidung möchte Martin wissen, wie sich die Energiepreise entwickeln, ob das Nachbarhotel ebenfalls umbaut, was seine Stammgäste sich wünschen und ob die Bank den Kredit gibt. Seit einem halben Jahr sammelt er Unterlagen. Die Handwerker, die er im Herbst haben wollte, sind inzwischen anderweitig gebucht.
Beispiel frei erfunden.
Warum fehlen fast immer Informationen?
Bei wichtigen Entscheidungen fehlen fast immer Informationen, weil sie in die Zukunft reichen. Wie sich Preise, Märkte oder Menschen entwickeln, lässt sich vorher nicht vollständig wissen. Dazu kommt, dass Beschaffen Zeit und Geld kostet. Wer auf vollständige Information wartet, entscheidet meist zu spät oder gar nicht.
Jeff Bezos schrieb in seinem Aktionärsbrief für 2016, die meisten Entscheidungen sollten wohl mit etwa 70 Prozent der Information getroffen werden, die man sich wünscht. Wer auf nahezu vollständige Information warte, sei in den meisten Fällen zu langsam. Er verband das mit der Fähigkeit, falsche Entscheidungen schnell zu erkennen und zu korrigieren.
Ein Bild aus dem Alltag: Wer eine Wohnung sucht, wird nie jede Wohnung der Stadt gesehen haben. Trotzdem unterschreibt man irgendwann einen Mietvertrag, denn Weitersuchen kostet Zeit, und die gute Wohnung von heute kann morgen vergeben sein.
Martin sammelt seit Monaten, und die Lage ist dadurch nicht klarer geworden. Die Energiepreise bleiben offen, egal wie viele Prognosen er liest. Inzwischen sind die Handwerker weg. Die Suche nach Sicherheit hat ihn eine Option gekostet.
Wie stark dich offene Fragen belasten, hängt auch von deiner persönlichen Haltung ab. Manche Menschen halten Unklarheit gut aus, andere drängen schnell auf Gewissheit. Mehr dazu auf der Seite Ambiguitätstoleranz.
MerksatzVollständige Information gibt es selten. Die Frage ist, welche Lücke du dir leisten kannst.
Welche Lücke zählt für die Entscheidung?
Eine Lücke zählt, wenn sie deine Wahl ändern kann. Viele Informationen sind interessant, verändern aber nichts. Prüf deshalb jede Lücke einzeln mit drei Fragen, in fester Reihenfolge. Das Ergebnis ist entweder: schließen, mit Frist. Oder: akzeptieren und absichern.
Schließen oder akzeptieren?
| Frage | Bei Ja | Bei Nein |
|---|---|---|
| 1. Kann diese Information meine Wahl ändern? | weiter mit Frage 2 | akzeptieren, die Lücke ist für diese Entscheidung unwichtig |
| 2. Lässt sie sich vor dem spätesten Entscheidungstermin beschaffen? | weiter mit Frage 3 | akzeptieren und mit Szenarien oder Puffern absichern |
| 3. Kostet das Beschaffen weniger als ein möglicher Fehler? | schließen, mit fester Frist | akzeptieren und einen umkehrbaren Schritt wählen |
Geh die Tabelle Zeile für Zeile durch. Beim ersten Nein ist die Lücke eine, die du akzeptierst.
Arbeitsregel von T1Leaders, angelehnt an die Idee des Informationswerts nach Howard (1966).
Martin geht seine vier Lücken durch. Die Wünsche der Stammgäste: Sie können die Wahl ändern, eine kurze Umfrage dauert zwei Wochen und kostet kaum etwas. Schließen. Die Kreditzusage: Ohne sie geht nichts, die Bank antwortet in drei Wochen. Schließen. Das Nachbarhotel: Ob es umbaut, erfährt Martin vielleicht nie offiziell. Akzeptieren. Die Energiepreise: Sie können die Wahl ändern, lassen sich aber nicht wissen. Akzeptieren und absichern, etwa mit einer sparsamen Wärmepumpe und zwei Szenarien für die Betriebskosten.
Aus vier offenen Fragen werden so zwei Aufgaben mit Frist und zwei bewusst akzeptierte Lücken. Das fühlt sich für Martin ungewohnt an. Bisher hatte er jede offene Frage als Grund betrachtet, noch zu warten.
MerksatzSchließ nur die Lücken, die deine Wahl ändern können und sich rechtzeitig schließen lassen.
Wie entscheidest du mit einer akzeptierten Lücke?
Mit einer akzeptierten Lücke planst du bewusst. Drei Wege helfen dabei: Du schreibst deine Annahme auf, du sicherst dich gegen den ungünstigen Fall ab, und du legst fest, woran du erkennst, dass die Annahme falsch war.
Martin schreibt auf: „Wir gehen davon aus, dass die Energiekosten in den nächsten fünf Jahren höchstens um ein Drittel steigen.“ Dann prüft er, ob der Umbau auch im ungünstigen Szenario trägt. Er tut es, wenn auch knapp. Als Warnzeichen legt er fest: Steigen die Kosten im ersten Jahr stärker, verschiebt er die geplante Saunaerweiterung.
Hilfreich ist es, die Entscheidung in Teile zu zerlegen. Manche Teile lassen sich später ändern, andere nicht. Martin entscheidet zuerst über die Gebäudetechnik, weil sie ohnehin erneuert werden muss. Die Ausstattung der Ruheräume legt er erst fest, wenn die Gästebefragung vorliegt. Wie du umkehrbare und endgültige Teile unterscheidest, zeigt die Methode Umkehrbar oder endgültig?.
Wenn du merkst, dass du trotz geschlossener Lücken weiter wartest, lohnt ein Blick auf die Seite Entscheidungen aufschieben. Und wenn eine Frist von außen drängt, hilft die Seite Entscheiden unter Zeitdruck.
MerksatzSchreib deine Annahme auf und leg fest, woran du merkst, dass sie falsch war.
Gegenmittel
So gehst du mit fehlenden Informationen um
- Alle Lücken auflisten: Was weißt du nicht, das du gern wüsstest?
- Jede Lücke durch die drei Fragen führen: Wahl ändern, rechtzeitig beschaffbar, Kosten.
- Für jede zu schließende Lücke eine Frist setzen und eine Person benennen, die sie schließt.
- Für jede akzeptierte Lücke eine Annahme aufschreiben und den ungünstigen Fall durchspielen.
- Ein Warnzeichen festlegen, an dem du merkst, dass die Annahme nicht trägt, und vorher bestimmen, was du dann tust.
Situationsfrage
Eine Personalleiterin soll entscheiden, ob ihr Unternehmen die Vier-Tage-Woche in einer Abteilung testet. Der Test ist auf sechs Monate angelegt und lässt sich jederzeit beenden. Ein Kollege möchte vorher eine aufwendige Studie zu den Auswirkungen in der Branche in Auftrag geben, die vier Monate dauert. Was sagt die Regel?
- ADie Studie abwarten, weil mehr Wissen immer besser ist.
- BDen Test starten und die Lücke akzeptieren. Der Test ist umkehrbar und liefert die nötige Information selbst.
- CGanz auf den Test verzichten, weil die Auswirkungen unklar sind.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Die Antwort auf Frage 3 lautet Nein: Die Studie kostet vier Monate, während ein umkehrbarer Test die Information direkt im eigenen Betrieb liefert. Antwort A übersieht die Kosten des Wartens. Antwort C verwechselt eine offene Frage mit einem Grund zum Verzicht.
Häufige Fragen
Wie viel Information brauche ich für eine Entscheidung?
So viel, dass weitere Information deine Wahl wahrscheinlich nicht mehr ändert. Bei umkehrbaren Entscheidungen reicht oft weniger, bei endgültigen mit großer Tragweite lohnt mehr Sorgfalt.
Was ist eine Entscheidung unter unvollständiger Information?
Eine Entscheidung, bei der nicht alle relevanten Fakten bekannt sind. Das ist bei wichtigen Entscheidungen häufig der Fall, weil sie in die Zukunft reichen.
Was tun, wenn mein Team immer mehr Daten verlangt?
Frag bei jeder angefragten Zahl, ob sie die Entscheidung ändern würde. Wenn nicht, verabschiede die Entscheidung mit der vorhandenen Information und halt die Annahmen schriftlich fest.
Quellen
- Howard, R. A. (1966). Information value theory. IEEE Transactions on Systems Science and Cybernetics, SSC-2(1), 22-26.
- Bezos, J. (2017). 2016 Letter to Shareholders, Amazon.com. About Amazon
Vormerkliste
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