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Unsicherheit und Risiko · Vertiefung

Ambiguitätstoleranz: Bedeutung, Beispiele, Übung

Was Ambiguitätstoleranz bedeutet, warum sie bei Entscheidungen mit widersprüchlichen Informationen hilft und wie du sie mit einer einfachen Übung trainierst.

Stand · David Rudolph, KI-gestützte Erstellung · rund 6 Minuten Lesezeit

Nadine leitet bei einem Windparkbetreiber ein Projekt für fünf neue Anlagen. Zwei Gutachten zum Vogelschutz liegen vor. Das eine hält den Standort für unbedenklich, das andere sieht ein Risiko für eine geschützte Art. Die Behörde äußert sich noch nicht. Die Geschäftsführung will in drei Wochen wissen, ob das Projekt weiterläuft. Nadine merkt, wie sehr sie sich eine eindeutige Antwort wünscht.

Beispiel frei erfunden.

Woher kommt der Begriff, und was zeigt die Forschung?

Der Begriff geht auf die Psychologin Else Frenkel-Brunswik zurück, die ihn Ende der 1940er-Jahre als Persönlichkeitsmerkmal beschrieb. Stanley Budner unterschied 1962 drei Arten mehrdeutiger Lagen: neue, komplexe und unlösbar scheinende. Menschen mit geringer Toleranz reagieren auf solche Lagen eher mit Stress, Vermeidung oder Aufschieben.

Für Nadine ist das eine wichtige Einsicht. Ihr Unbehagen ist eine normale Reaktion auf eine neue und widersprüchliche Lage. Es sagt nichts darüber aus, welches Gutachten recht hat. Hilfreich ist auch die Unterscheidung nach Budner: Ist die Lage neu, ist sie komplex, oder scheint sie unlösbar? Nadines Lage ist vor allem widersprüchlich und neu. Unlösbar ist sie nicht, denn die Behörde wird irgendwann entscheiden.

Was hat Ambiguitätstoleranz mit Entscheidungen zu tun?

Ambiguitätstoleranz beeinflusst, wie du mit widersprüchlichen Informationen umgehst. Bei geringer Toleranz entstehen zwei typische Fehler: Man klammert sich an die Information, die Gewissheit verspricht, und blendet den Rest aus. Oder man schiebt die Entscheidung auf, bis alles klar ist, was oft nie geschieht.

Nadine spürt beide Versuchungen. Am liebsten würde sie dem positiven Gutachten folgen, weil es das Projekt rettet. Gleichzeitig denkt sie daran, alles anzuhalten, bis die Behörde entschieden hat. Beide Wege fühlen sich sicherer an als die offene Lage. Beide haben aber einen Preis: Der erste übergeht ein ernstes Risiko, der zweite kostet Monate und vielleicht das Projekt.

Eine höhere Toleranz erlaubt einen dritten Weg. Du hältst beide Deutungen offen, suchst gezielt nach Information, die zwischen ihnen unterscheidet, und planst Schritte, die in beiden Fällen sinnvoll sind. Mehr dazu unter Entscheiden, wenn Informationen fehlen.

BegriffWas er beschreibtVerhältnis zu Ambiguitätstoleranz
AmbiguitätstoleranzMehrdeutigkeit aushalten, ohne vorschnell aufzulösender Begriff, um den es auf dieser Seite geht
UnsicherheitstoleranzUngewissheit über die Zukunft aushalteneng verwandt, bezieht sich eher auf Kommendes als auf Widersprüche
Psychologische FlexibilitätDenken und Handeln an neue Lagen anpassenergänzt das Aushalten um das Umsteuern
RisikobereitschaftBereitschaft, mögliche Verluste in Kauf zu nehmenhängt laut Studien mit Ambiguitätstoleranz zusammen und ist ein eigenes Merkmal
EntscheidungsschwächeUnfähigkeit, sich festzulegenkann aus zu geringer oder aus falsch verstandener Toleranz entstehen

Wie du bei neuer Information den Kurs wechselst, ohne beliebig zu werden, zeigt Psychologische Flexibilität.

MerksatzAmbiguitätstoleranz heißt, beide Deutungen offen zu halten und trotzdem den nächsten Schritt zu gehen.

Wie zeigt sich Ambiguitätstoleranz in der Führung?

In der Führung zeigt sie sich vor allem darin, wie du mit offenen Fragen vor deinem Team umgehst. Führungskräfte mit hoher Toleranz sagen offen, was unklar ist, und erklären trotzdem, wie es weitergeht. Führungskräfte mit geringer Toleranz neigen dazu, Eindeutigkeit vorzutäuschen oder Entscheidungen immer weiter zu vertagen.

Viele fürchten, Offenheit über Unklarheit würde das Team verunsichern. Das muss nicht so sein. Wer Gewissheit vortäuscht, verliert Vertrauen, sobald die Lage sich ändert. Wer offen sagt, was unklar ist, und einen Plan für beide Fälle zeigt, gibt dem Team Halt. Es kommt auf die Verbindung an: Unklarheit benennen und gleichzeitig sagen, was jetzt konkret passiert. Wie das unter Zeitdruck aussieht, steht unter Entscheiden unter Druck. Mehrdeutigkeit als Teil einer unübersichtlichen Welt behandelt die Seite VUCA.

Die folgende Übung zeigt, wie sich das anfühlt, wenn Information Schritt für Schritt widersprüchlicher wird.

Drei Runden, wachsende Widersprüche

RundeNeue InformationSpricht fürSpricht gegenTragfähiger Schritt
1Erstes Gutachten: Standort unbedenklichWeitermachenPlanung fortsetzen, Gutachten prüfen lassen
2Zweites Gutachten: Risiko für geschützte ArtStoppenbeide Gutachter an einen Tisch holen, Unterschiede klären
3Behörde: Entscheidung erst in drei Monaten, Auflagen möglichteilweiseteilweisePlanung für eine Variante mit Abschaltzeiten weiterführen, die in beiden Fällen genehmigungsfähig wäre

Lies die Tabelle Runde für Runde und notiere vor dem Weiterlesen deine Wahl.

Je widersprüchlicher die Lage, desto wertvoller sind Schritte, die in beiden Fällen passen.

Übung von T1Leaders. Werte und Ablauf frei erfunden.

Nadine wählt in Runde drei den Schritt, der in beiden Fällen passt. Sie lässt eine Variante mit Abschaltzeiten in der Brutzeit planen. Der Geschäftsführung sagt sie offen: „Wir wissen noch nicht, wie die Behörde entscheidet. Diese Variante funktioniert in beiden Fällen.“

MerksatzSag offen, was unklar ist. Sag genauso klar, wie es trotzdem weitergeht.

Gegenmittel

So entwickelst du Ambiguitätstoleranz

  1. Das Unbehagen benennen: „Mich stört, dass die Lage nicht eindeutig ist.“ Das schafft Abstand.
  2. Beide Deutungen ausformulieren: Was spricht für A, was für B? Schreib beides auf.
  3. Unterscheidende Information suchen: Welche eine Information würde zeigen, welche Deutung stimmt?
  4. Schritte finden, die in beiden Fällen passen: Was ist in jedem Fall sinnvoll?
  5. Eine Frist setzen: Bis wann wartest du, und was tust du, wenn bis dahin keine Klarheit kommt?

Situationsfrage

  1. Ein Vertriebsleiter bekommt zwei Marktstudien. Die eine sagt starkes Wachstum voraus, die andere Stagnation. Er soll entscheiden, ob er zwei neue Verkäufer einstellt. Was ist am sinnvollsten?

    1. ADer optimistischen Studie folgen und beide einstellen.
    2. BErst einen Verkäufer mit Option auf einen zweiten einstellen und klare Kennzahlen festlegen, nach denen er in sechs Monaten entscheidet.
    3. CNichts tun, bis die Lage klarer ist.
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Antwort A blendet die widersprechende Studie aus. Antwort C wartet auf eine Klarheit, die vielleicht nie kommt. Antwort B ist in beiden Szenarien vertretbar und legt fest, woran er später entscheidet.

Testfragen

Wie gehst du mit Mehrdeutigkeit um?

Denk an deine letzten Entscheidungen mit widersprüchlichen Informationen. Trifft die Aussage zu? Ja oder nein. Es gibt keinen Gesamtwert. Bei jedem Nein zeigt dir die Übung einen Ansatz.

  1. Ich kann zwei widersprüchliche Deutungen nebeneinander stehen lassen.

    Antwort

    Ansatz: beide Deutungen schriftlich ausformulieren.

  2. Ich suche gezielt nach Information, die zwischen den Deutungen unterscheidet.

    Antwort

    Ansatz: eine unterscheidende Frage formulieren.

  3. Ich finde Schritte, die in mehreren Fällen sinnvoll sind.

    Antwort

    Ansatz: Szenarioanalyse

  4. Ich sage meinem Team offen, was unklar ist.

    Antwort

    Ansatz: im nächsten Meeting einen Satz zu offenen Fragen einbauen.

  5. Ich setze mir eine Frist, bis wann ich auf Klarheit warte.

    Antwort

    Ansatz: Entscheiden, wenn Informationen fehlen

Reflexionswerkzeug, kein wissenschaftlich validierter Test. Deine Antworten werden nicht gespeichert.

Häufige Fragen

Was bedeutet ambiguitätstolerant?

Ambiguitätstolerant ist, wer mehrdeutige oder widersprüchliche Lagen aushalten kann, ohne vorschnell eine eindeutige Antwort zu erzwingen. Solche Menschen erleben Unklarheit eher als Herausforderung.

Was ist ein Beispiel für Ambiguitätstoleranz?

Eine Führungskraft erhält zwei widersprüchliche Gutachten. Sie plant eine Variante, die in beiden Fällen tragfähig ist, und sagt ihrem Team offen, was noch unklar ist.

Kann man Ambiguitätstoleranz lernen?

Wie stark sie sich verändern lässt, ist nicht abschließend erforscht. Praktische Gewohnheiten helfen aber: Unbehagen benennen, Deutungen ausformulieren und Schritte suchen, die in mehreren Fällen passen.

Quellen

  1. Furnham, A. und Marks, J. (2013). Tolerance of ambiguity: A review of the recent literature. Psychology, 4(9), 717-728. DOI 10.4236/psych.2013.49102. Volltext
  2. Budner, S. (1962). Intolerance of ambiguity as a personality variable. Journal of Personality, 30(1), 29-50.
  3. Frenkel-Brunswik, E. (1948). Intolerance of ambiguity as an emotional and perceptual personality variable. Journal of Personality, 18, 108-123.

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