Resilienz · Vertiefung
Resilienz stärken: zwölf Übungen für den Alltag
Kleine, alltagstaugliche Übungen für mehr Belastbarkeit, sortiert danach, wie viel Zeit du hast, und mit ehrlicher Einordnung, was die Forschung dazu weiß.
Kerstin leitet die Veranstaltungen einer Stadthalle. Im Herbst folgen Konzerte, Messen und Firmenfeiern dicht aufeinander, oft mit Abendterminen. Nach der letzten Saison war sie wochenlang ausgelaugt. Dieses Jahr will sie vorbeugen. Für ein Seminar fehlt ihr die Zeit. Was kann sie im Alltag tun, mit zwei Minuten hier und einem Abend dort?
Beispiel frei erfunden.
Kann man Resilienz überhaupt stärken?
Teilweise ja. Studien zu Resilienzprogrammen finden im Mittel kleine Effekte. Die Belege sind oft schwach, und die Wirkung lässt nach dem Programm häufig nach. Für eine dauerhafte Wirkung helfen vermutlich Gewohnheiten, die bleiben.
Ein Bild aus dem Alltag: Wer zweimal pro Woche ins Fitnessstudio geht, merkt nach einigen Wochen einen Unterschied. Ein einzelner Besuch bewirkt wenig. Mit Resilienz ist es ähnlich.
Welche Übungen passen in zwei Minuten, einen Tag oder eine Woche?
Die Übungen sind nach Zeitaufwand sortiert. Die Auswahl stützt sich auf Themen aus der Forschung, etwa Erholung, soziale Unterstützung und Selbstwirksamkeit. Die einzelnen Übungen sind Vorschläge von T1Leaders und nicht jede für sich geprüft.
Zwölf Übungen nach Zeitaufwand
| Zeit | Übung | So geht es | Bezug |
|---|---|---|---|
| 2 Minuten | Akku-Check | einmal am Tag den eigenen Akku von 1 bis 10 einschätzen und notieren | Selbstwahrnehmung |
| 2 Minuten | Langsam ausatmen | zehn Atemzüge, die Ausatmung länger als die Einatmung | Entspannung |
| 2 Minuten | Beeinflussbar oder nicht | eine Sorge aufschreiben und markieren, was davon du beeinflussen kannst | Akzeptanz |
| 2 Minuten | Drei gute Dinge | abends drei Dinge notieren, die gelungen sind | Zuversicht |
| 1 Tag | Abschaltritual | nach der Arbeit eine feste Handlung, etwa Laptop zuklappen und Liste für morgen schreiben | Abschalten |
| 1 Tag | Bewegung draußen | 20 Minuten Gehen ohne Kopfhörer | Entspannung |
| 1 Tag | Kontakt pflegen | eine Person anrufen, die dir guttut | Unterstützung |
| 1 Tag | Eine Sache absagen | einen Termin oder eine Aufgabe streichen oder abgeben | Entlastung |
| 1 Woche | Ein freier Abend | einen Abend ohne Verpflichtungen, über den nur du bestimmst | Selbstbestimmung |
| 1 Woche | Etwas Neues lernen | ein Hobby mit Lernkurve, etwa ein Instrument oder eine Sportart | Neues meistern |
| 1 Woche | Wochenrückblick | freitags notieren: Was hat Kraft gekostet, was hat Kraft gegeben? | Selbstwahrnehmung |
| 1 Woche | Gespräch über Bedingungen | mit der Führungskraft über eine konkrete Belastung sprechen | Bedingungen ändern |
Kreuz in der Tabelle eine Übung je Zeitstufe an und schreib sie in deinen Kalender.
Übungssammlung von T1Leaders. Die Spalte „Bezug“ nennt das Thema aus der Forschung, keine Prüfung der Übung.
Kerstin wählt drei Übungen: den Akku-Check morgens, das Abschaltritual nach jedem Veranstaltungstag und einen freien Sonntagabend. Nach zwei Wochen merkt sie, dass der Akku-Check sie früher warnt. An Tagen mit einer Drei plant sie den Abend bewusst ruhig.
Eine Übung fällt aus der Reihe: das Gespräch über Bedingungen. Manche Belastung lässt sich mit Übungen kaum ausgleichen, etwa dauerhaft zu viel Arbeit für zu wenige Menschen. Dann setzt das Gespräch über die Bedingungen an der Ursache an.
MerksatzFang mit drei Übungen an, eine pro Zeitstufe.
Wie bleibst du dran?
Du bleibst dran, wenn die Übung klein ist, einen festen Platz im Tag hat und an eine bestehende Gewohnheit anknüpft. Wenn-dann-Pläne helfen dabei: „Wenn ich den Laptop zuklappe, schreibe ich die Liste für morgen.“ Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran fanden 2006 in einer Meta-Analyse über 94 Tests, dass solche Pläne die Umsetzung von Vorsätzen deutlich verbessern.
Hilfreich ist auch Freundlichkeit mit dir selbst, wenn du eine Übung ausfallen lässt. Juliana Breines und Serena Chen fanden 2012 in vier Experimenten, dass Menschen nach einem freundlichen Blick auf eigene Fehler stärker motiviert waren, sich zu verbessern. Wer sich für jede verpasste Übung tadelt, gibt womöglich eher auf. Mehr dazu unter Mentale Stärke aufbauen.
Wie du Routinen baust, die tragen, zeigt Selbstführung.
Grenzen
Wann helfen Übungen nicht weiter?
- Bei dauerhaft zu hoher Belastung: Wenn die Arbeit auf Dauer nicht zu schaffen ist, gleichen Übungen das nicht aus. Dann müssen sich die Bedingungen ändern.
- Bei Anzeichen einer Erkrankung: Anhaltende Niedergeschlagenheit, Schlaflosigkeit oder Antriebslosigkeit gehören in fachliche Hände, siehe Hilfe-Kasten unten.
- Bei zu vielen Übungen gleichzeitig: Wer alles auf einmal will, hält oft wenig durch.
- Bei Übungen, die nicht passen: Wenn eine Übung sich nach zwei Wochen falsch anfühlt, wähl eine andere.
- Organisationale Grenze: Resilienz als Privatsache. Manche Unternehmen bieten Resilienzübungen an, während Personalmangel und Dauerüberlastung bleiben. So wird Belastung zur Frage der persönlichen Stärke. Schutz im Prozess: Angebote zur Resilienz mit einer Prüfung der Arbeitsbedingungen verbinden, etwa einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung.
Gegenmittel
So startest du
- Eine Übung je Zeitstufe wählen: eine für zwei Minuten, eine für den Tag, eine für die Woche.
- Jede Übung an eine bestehende Gewohnheit knüpfen, als Wenn-dann-Plan.
- Zwei Wochen ausprobieren, dann bewerten, was hilft.
- Belastende Bedingungen benennen und mindestens eine davon ansprechen.
- Bei Bedarf Unterstützung suchen: Strukturierte Trainings stellt Resilienztraining vor, die Haltungen dahinter Die 7 Säulen der Resilienz.
Übung
Übung am eigenen Fall
Ein Teamleiter hat in den nächsten sechs Wochen ein großes Projekt mit vielen Abendterminen. Welche Auswahl ist sinnvoll?
- AAlle zwölf Übungen ab Montag, damit er gut vorbereitet ist.
- BAkku-Check beim ersten Kaffee, Abschaltritual nach dem letzten Termin, ein fest geplanter freier Abend pro Woche.
- CKeine Übungen, weil die Zeit fehlt, und nach dem Projekt zwei Wochen Urlaub.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Antwort A überfordert und wird kaum durchgehalten. Antwort C wartet zu lange mit der Erholung. Antwort B wählt drei kleine Übungen, knüpft sie an bestehende Gewohnheiten und verteilt die Erholung über die Phase.
Hilfe
Wann solltest du dir Hilfe holen?
Hol dir Unterstützung, wenn Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Schlafprobleme über Wochen anhalten und auch in freien Zeiten nicht nachlassen. Das gilt auch, wenn du Dinge, die dir früher Freude gemacht haben, kaum noch genießen kannst. Übungen ersetzen in diesem Fall keine fachliche Abklärung.
Häufige Fragen
Kann man Resilienz lernen?
Teilweise. Gewohnheiten wie Abschalten, Unterstützung suchen und Belastung planen lassen sich üben. Wie stark sich das auf die Resilienz auswirkt, ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Welche Übung hilft am schnellsten?
Für den Moment helfen kurze Übungen wie langsames Ausatmen oder ein kurzer Spaziergang. Für die Belastbarkeit über Monate zählen eher feste Erholungszeiten und gute Beziehungen.
Wie lange dauert es, bis Übungen wirken?
Manche merken schon nach wenigen Wochen regelmäßiger Übung einen Unterschied. Eine feste Dauer lässt sich aus der Forschung nicht ableiten.
Quellen
- Vanhove, A. J., Herian, M. N., Perez, A. L. U., Harms, P. D. und Lester, P. B. (2016). Can resilience be developed at work? A meta-analytic review of resilience-building programme effectiveness. Journal of Occupational and Organizational Psychology, 89(2), 278-307. Zusammenfassung: NOBCO
- Kunzler, A. M. et al. (2020). Psychological interventions to foster resilience in healthcare professionals. Cochrane Database of Systematic Reviews. Cochrane
- Sonnentag, S. und Fritz, C. (2007). The Recovery Experience Questionnaire. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204-221. KOPS
- Gollwitzer, P. M. und Sheeran, P. (2006). Implementation intentions and goal achievement. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69-119.
- Breines, J. G. und Chen, S. (2012). Self-compassion increases self-improvement motivation. Personality and Social Psychology Bulletin, 38(9), 1133-1143.
- Krisentelefone und Anlaufstellen: Familienportal des Bundesfamilienministeriums
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