Führung und Team · Vertiefung
Ein Projekt stoppen: Kriterien und Gesprächsablauf
Warum Projekte oft zu spät gestoppt werden, an welchen Kriterien du einen Stopp festmachst, wie das Gespräch dazu abläuft und wie das Team den Abbruch verkraftet.
Dienstag, 14:00 Uhr. Anja leitet den Bereich Digital eines Herstellers von Kaffeemaschinen. Vor 18 Monaten startete ihr Team eine App, mit der Kundinnen und Kunden ihre Maschinen steuern sollen. Geplant waren neun Monate und 400.000 Euro. Bisher sind 780.000 Euro ausgegeben, fertig ist etwa die Hälfte. Ein Wettbewerber hat inzwischen eine kostenlose App für alle Marken veröffentlicht. Das Team will weitermachen.
Beispiel frei erfunden.
Warum werden Projekte zu spät gestoppt?
Projekte laufen oft weiter, obwohl die Zeichen auf Abbruch stehen. Ein Grund ist das Geld, das schon ausgegeben ist. Es fühlt sich an, als wäre es verloren, wenn du jetzt aufhörst. Dabei ist es so oder so ausgegeben. Für die Entscheidung zählt nur, was weitere Arbeit kostet und was sie noch bringt. Mehr dazu auf der Seite Sunk-Cost-Effekt.
Ein zweiter Grund ist die eigene Verantwortung. Barry Staw untersuchte 1976 in einem Experiment, wie Menschen nach einer Fehlentscheidung weiter investieren. Wer für eine erste, gescheiterte Entscheidung selbst verantwortlich war, steckte besonders viel zusätzliches Geld in dieselbe Richtung.
Bei Anja greifen beide Gründe. 780.000 Euro wirken wie ein Argument fürs Weitermachen. Und sie selbst hat das Projekt vor 18 Monaten angestoßen.
Welche Stopp-Kriterien helfen?
Ein guter Zeitpunkt für Stopp-Kriterien ist der Projektstart. Dann ist noch niemand gebunden, und die Kriterien können nüchtern festgelegt werden. Später hilft die Stopp-Probe: Würden wir dieses Projekt heute, mit dem heutigen Wissen, neu beginnen? Wenn die Antwort Nein ist, spricht viel für einen Stopp.
Stopp-Entscheidung
| Kriterium | Frage | Bei Anja |
|---|---|---|
| Stopp-Probe | Würden wir heute neu beginnen? | Nein, ein Wettbewerber bietet eine kostenlose App an |
| Restkosten | Was kostet der Rest? | geschätzt weitere 500.000 Euro |
| Restnutzen | Was bringt der Rest? | unklar, der Hauptvorteil ist durch den Wettbewerber entfallen |
| Annahmen | Gelten die Annahmen vom Start noch? | nein, eigene App sollte ein Alleinstellungsmerkmal sein |
| Teilnutzen | Lässt sich ein Teil retten? | ja, die Diagnose-Funktion für den Kundendienst |
Die Kriterien stehen in der Tabelle.
Arbeitsregel von T1Leaders.
Beim Stoppen lässt sich oft ein Teil weiterführen. Anja entscheidet, die App einzustellen und die Diagnose-Funktion als kleines Werkzeug für den Kundendienst fertigzustellen. Wie du Abbruchkriterien beim Start festlegst, erklärt Abbruchkriterien. Risiken vor dem Start spielst du mit einem Pre-Mortem durch.
Wie läuft das Gespräch zum Stopp ab?
Das Gespräch mit dem Team hat vier Teile. Zuerst die Entscheidung, klar und im ersten Satz. Dann der Grund, ehrlich und ohne Schuldzuweisung. Dann eine konkrete Würdigung der Arbeit. Zum Schluss, was mit Menschen und Ergebnissen passiert.
Anja sagt ihrem Team am Donnerstag: „Wir stellen die App ein. Seit der Wettbewerber eine kostenlose App für alle Marken anbietet, fehlt uns der Vorteil, für den wir gestartet sind. Ihr habt eine Steuerung gebaut, die technisch besser ist als alles, was ich vorher gesehen habe. Die Diagnose-Funktion machen wir fertig, das ist ein Gewinn für den Kundendienst. Niemand verliert seinen Arbeitsplatz, und mit jedem von euch spreche ich in dieser Woche über das nächste Projekt.“
Manches bleibt in diesem Gespräch bewusst ungesagt. Anja verzichtet auf Sätze wie „Das hätten wir früher sehen müssen“. Die Nachbereitung kommt später, in Ruhe. Wie du unbeliebte Entscheidungen mitteilst, zeigt Unpopuläre Entscheidungen kommunizieren.
MerksatzEntscheidung, Grund, Würdigung, nächste Schritte. In dieser Reihenfolge.
Wie verkraftet das Team den Stopp?
Für ein Team kann ein Projektstopp wie ein Verlust wirken. Monate an Arbeit enden ohne den geplanten Abschluss. Drei Dinge helfen. Erstens eine echte Würdigung dessen, was gelernt und gebaut wurde. Zweitens Klarheit über die nächste Aufgabe, möglichst schnell. Drittens eine Nachbesprechung ohne Schuldsuche, die festhält, was beim nächsten Mal früher auffallen sollte.
Anjas Team hält in der Nachbesprechung fest: Die Annahme „kein Wettbewerber bietet das an“ wurde nie überprüft. Beim nächsten Projekt gibt es alle drei Monate einen Termin, an dem die tragenden Annahmen geprüft werden.
Ein Bild aus dem Alltag: Wer bei einer Wanderung merkt, dass der Weg nicht zum Gipfel führt, kehrt um, auch nach drei Stunden Aufstieg. Die drei Stunden sind gelaufen, egal, wie du dich entscheidest.
MerksatzEin guter Stopp würdigt die Arbeit und lernt aus den Annahmen.
Grenzen
Wo stößt die Stopp-Probe an Grenzen?
- Langer Nutzen: Manche Projekte zahlen sich erst spät aus. Die Stopp-Probe kann dann zu früh Nein sagen, wenn der lange Nutzen nicht mitgedacht wird.
- Vertragliche Bindungen: Verträge mit Dienstleistern oder Fördergebern können einen Stopp teuer machen. Das gehört in die Restkosten.
- Unsichere Schätzungen: Restkosten und Restnutzen sind Schätzungen. Eine zweite, unabhängige Schätzung hilft.
- Schwache Belege: Die Forschung zur Eskalation von Commitment ist nicht stabil repliziert. Die Stopp-Probe bleibt trotzdem eine vernünftige Prüffrage.
- Organisationale Grenze: Wer darf stoppen? In vielen Unternehmen darf nur das Gremium stoppen, das gestartet hat. Schutz im Prozess: schon beim Start festlegen, wer stoppen darf.
Gegenmittel
So stoppst du ein Projekt
- Stopp-Probe stellen: Würden wir heute neu beginnen?
- Restkosten und Restnutzen ehrlich schätzen, ohne die ausgegebenen Mittel.
- Prüfen, ob sich ein Teil retten lässt.
- Das Team zuerst informieren: Entscheidung, Grund, Würdigung, nächste Schritte.
- Nachbesprechung ohne Schuldsuche durchführen und Annahmen prüfen.
Situationsfrage
Ein Logistikunternehmen hat zwei Jahre und 1,2 Millionen Euro in eine eigene Software für die Tourenplanung gesteckt. Inzwischen gibt es fertige Programme, die mehr können und weniger kosten. Welches Argument sollte die Entscheidung bestimmen?
- A„Wir haben schon 1,2 Millionen Euro investiert, das darf nicht umsonst gewesen sein.“
- B„Was kosten Fertigstellung und Betrieb unserer Software im Vergleich zu einem fertigen Programm, und was bringt beides?“
- C„Der Projektleiter hat sich so engagiert, wir sollten ihn nicht enttäuschen.“
Auflösung anzeigen
Antwort B. Für die Entscheidung zählen nur künftige Kosten und künftiger Nutzen. Antwort A argumentiert mit ausgegebenem Geld, das sich nicht zurückholen lässt. Antwort C ist menschlich verständlich und gehört in die Würdigung des Projektleiters. In der Abwägung hat es keinen Platz.
Häufige Fragen
Wann sollte man ein Projekt abbrechen?
Wenn du es mit dem heutigen Wissen nicht neu beginnen würde, wenn die Grundannahmen nicht mehr gelten oder wenn die Restkosten den Restnutzen klar übersteigen.
Wie kommuniziert man einen Projektabbruch?
Entscheidung zuerst, dann der Grund, dann eine konkrete Würdigung der Arbeit und die nächsten Schritte für das Team.
Ist ein Projektabbruch ein Scheitern?
Nicht unbedingt. Ein rechtzeitiger Stopp verhindert weitere Verluste. Teurer wird es oft, an einem aussichtslosen Projekt festzuhalten.
Quellen
Vormerkliste
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