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Methoden · Vertiefung

Entscheidungsjournal führen

Wie du vor wichtigen Entscheidungen festhältst, was du weißt und erwartest, damit du später ehrlich vergleichen kannst.

Stand · David Rudolph · rund 7 Minuten Lesezeit

In 43 Sekunden erklärt

Entscheidungsjournal
Was im Video gesagt wird

Hinterher wusstest du es schon immer?

Entscheidungsjournal: Schreib es auf, bevor du es weißt. Vor dem Ergebnis.

Eintrag 1 / 3: Optionen und Annahmen. Was wählst du? Worauf baust du?

Eintrag 2 / 3: Deine Erwartung. Wie sicher bist du? In Prozent.

Eintrag 3 / 3: Deine Lage. Müde, unter Druck, verärgert?

Die Regel: Später ehrlich vergleichen. Was wusstest du damals?

Weiterlesen: Entscheidungsjournal: Vorlage und Anleitung.

T1Leaders. Wissen für Entscheidungen mit Folgen.

Tobias betreibt zwei Fahrradläden. Jedes Jahr im Herbst bestellt er die E-Bikes für die nächste Saison, dieses Jahr für rund 400.000 Euro. Letztes Jahr blieben 40 Räder liegen. Im Rückblick wirkt es ihm, als hätte er das kommen sehen müssen. Stimmt das? Was er damals erwartet hat, weiß er nicht mehr genau. Wie kann er dieses Jahr besser lernen?

Beispiel frei erfunden.

Warum hilft ein Journal beim Lernen?

Ein Journal hilft, weil das Gedächtnis Erwartungen nachträglich an das Ergebnis anpasst. Ohne Notiz glaubst du später, du hättest es schon immer gewusst. Mit Notiz siehst du, was du tatsächlich erwartet hast.

Baruch Fischhoff und Ruth Beyth ließen 1972 Studierende vorhersagen, wie Präsident Nixons Reisen nach China und in die Sowjetunion ausgehen würden. Später sollten sie sich an ihre Vorhersagen erinnern. Bei Ereignissen, die aus ihrer Sicht eingetreten waren, erinnerten sie häufig höhere Wahrscheinlichkeiten, als sie damals angegeben hatten (Fischhoff und Beyth, 1975).

Ein Bild aus dem Alltag: Beim Tippspiel zur Fußball-WM behaupten hinterher viele, den Weltmeister geahnt zu haben. Nur wer den Zettel noch hat, weiß es genau.

Für Tobias heißt das: Wenn er nicht aufschreibt, warum er 120 Räder eines Modells bestellt, wird er im nächsten Herbst wieder im Nebel stochern. Wie der Rückschaufehler im Detail wirkt, liest du unter Rückschaufehler.

Das Journal hilft auch gegen den umgekehrten Fehler: Wer nach einem schlechten Ausgang glaubt, alles falsch gemacht zu haben, kann nachlesen, was er damals wusste. Manchmal war die Entscheidung gut begründet und das Ergebnis einfach Pech.

Was gehört in einen Eintrag?

Ein guter Eintrag dauert zehn Minuten und hat sieben Felder. Besonders wichtig sind Annahmen und Sicherheit, weil du sie später prüfen kannst.

Journal-Vorlage mit ausgefülltem Beispiel

FeldEintrag von Tobias
Datum und Frage15. Oktober: Wie viele E-Bikes welcher Modelle bestelle ich für die Saison?
Optionenwie im Vorjahr 300 Räder, vorsichtig 240 Räder, 240 Räder plus Nachbestellung im März
Wahl240 Räder plus Nachbestellung im März, falls der Abverkauf bis dahin gut läuft
AnnahmenNachfrage wie im Vorjahr minus zehn Prozent, Hersteller liefert im März nach, keine Preissenkung bei der Konkurrenz
Erwartungbis Ende Juli 220 Räder verkauft, höchstens 20 auf Lager
Sicherheitetwa 60 Prozent sicher, dass die Erwartung eintrifft
Prüftermin1. August, Vergleich mit Warenwirtschaft

Kopiere die Feldnamen in ein Notizbuch oder Dokument und fülle sie vor jeder wichtigen Entscheidung aus.

Sieben Felder, zehn Minuten. Der Prüftermin macht den Eintrag erst wertvoll.

Beispiel frei erfunden, Zahlen zur Veranschaulichung.

Am 1. August liest Tobias nach. Verkauft hat er 205 Räder, die Nachbestellung kam zwei Wochen zu spät. Die Annahme zur Lieferung war zu optimistisch. Diese Erkenntnis nimmt er in den nächsten Herbst mit. Ohne Eintrag hätte er sich nur gemerkt, dass es „ganz gut lief“.

MerksatzSchreibe die Annahmen so konkret auf, dass du sie später mit ja oder nein prüfen kannst.

Wie liest du dein Journal richtig nach?

Du liest nach, indem du Annahme für Annahme prüfst, bevor du auf das Ergebnis schaust. So trennst du Glück und Pech von guter oder schwacher Einschätzung.

Hilfreich sind vier Fragen: Welche Annahmen sind eingetreten? Welche nicht, und war das vorhersehbar? Lag meine Sicherheit richtig? Was mache ich beim nächsten Mal anders? Nach einigen Einträgen erkennst du Muster, etwa dass du Lieferzeiten oft zu knapp schätzt.

Das Nachlesen schützt auch davor, eine Entscheidung nur nach dem Ausgang zu bewerten. Ein gutes Ergebnis kann Glück sein, ein schlechtes Pech. Mehr dazu auf der Seite Gute Entscheidung oder gutes Ergebnis?.

Besonders aufschlussreich ist das Feld zur Sicherheit. Wer bei vielen Einträgen „80 Prozent sicher“ notiert, aber nur bei der Hälfte richtig liegt, schätzt sich zu sicher ein. Nach zehn bis zwanzig geprüften Einträgen siehst du solche Muster deutlich. Solche Muster helfen dir bei vielen künftigen Entscheidungen.

Grenzen

Wann hilft ein Journal nicht weiter?

  • Bei zu vielen Einträgen: Wer jede Kleinigkeit notiert, gibt nach drei Wochen auf. Ein Eintrag pro wichtiger Entscheidung reicht, oft sind das wenige im Monat.
  • Ohne festen Prüftermin: Ein Journal, das niemand liest, ist ein Tagebuch. Lege den Termin beim Schreiben fest.
  • Bei geschönten Einträgen: Wer schreibt, was gut klingt, lernt wenig. Notiere, was du tatsächlich denkst.
  • Bei sehr seltenen Entscheidungen: Wenn sich eine Entscheidung nicht wiederholt, bleibt der Vergleich ein Einzelfall.
  • Organisationale Grenze: das Journal als Akte. In manchen Unternehmen dient ein Entscheidungsprotokoll dazu, später Schuldige zu finden. Dann schreibt niemand mehr ehrlich, wie unsicher er war. Schutz im Prozess: Das persönliche Journal bleibt bei der Person. Für Teams dient eine gemeinsame Auswertung ohne Schuldzuweisung, etwa ein After Action Review.

Gegenmittel

So startest du dein Journal

  1. Ort wählen: ein Notizbuch, eine Datei oder eine Notiz-App. Hauptsache immer derselbe Ort.
  2. Schwelle festlegen: Ab welcher Größe schreibst du einen Eintrag, etwa ab 10.000 Euro oder bei Personalfragen?
  3. Sieben Felder ausfüllen, vor der Entscheidung, in zehn Minuten.
  4. Prüftermin in den Kalender eintragen, sofort beim Schreiben.
  5. Nachlesen und Muster sammeln: Einmal im Quartal alle geprüften Einträge durchgehen. Das schärft auch den Blick für Overconfidence.

Übung

Übung am eigenen Fall

  1. Welche Annahme eignet sich für einen Journal-Eintrag zur Einstellung einer neuen Vertriebsmitarbeiterin?

    1. A„Sie wird gut ins Team passen.“
    2. B„Sie gewinnt in den ersten sechs Monaten mindestens fünf Neukunden mit je mehr als 10.000 Euro Jahresumsatz.“
    3. C„Die Einstellung wird sich lohnen.“
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Nur Antwort B lässt sich am Prüftermin mit ja oder nein beantworten. Antwort A und C sind so allgemein, dass sie sich später passend deuten lassen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Entscheidungsjournal und Tagebuch?

Ein Tagebuch hält fest, was passiert ist. Ein Entscheidungsjournal hält fest, was du vor einer Entscheidung erwartest, und wird zu einem festen Termin geprüft. Den Nutzen bringt der Vergleich.

Wie oft sollte ich ins Journal schreiben?

Nur bei wichtigen Entscheidungen, also solchen mit großer Tragweite oder schwerer Umkehrbarkeit. Für viele Führungskräfte sind das einige wenige im Monat.

Digital oder auf Papier?

Beides funktioniert. Du solltest die Einträge zum Prüftermin wiederfinden und sie nachträglich nicht ändern können oder wollen. Oft reicht eine einfache Tabelle oder ein Dokument mit Datum im Dateinamen.

Kann ein Team ein gemeinsames Journal führen?

Ja, für gemeinsame Entscheidungen. Dann muss jede Person Annahmen und Unsicherheit offen notieren dürfen, ohne dass später Schuldige gesucht werden.

Quellen

  1. Fischhoff, B. und Beyth, R. (1975). „I knew it would happen“: Remembered probabilities of once-future things. Organizational Behavior and Human Performance, 13, 1-16. Forschungsbericht: DTIC

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