Denkfehler · Vertiefung
Was ist ein Bias?
Was das Wort bedeutet, wenn es um Urteile und Entscheidungen geht, und wie du einen Bias von Vorurteil, Faustregel und Zufallsstreuung unterscheidest.
Donnerstag, Kfz-Meisterbetrieb. Sabine leitet die Annahme seit zwölf Jahren. Bei Autos unter fünf Jahren empfiehlt sie fast immer die Reparatur. Bei Autos über zwölf Jahren rät sie meist ab und schlägt einen Neukauf vor.
Eine Kollegin sagt beim Kaffee: „Du bist bei alten Autos ziemlich biased.“ Sabine ist gekränkt. Sie hat doch Erfahrung. Was meint die Kollegin genau, und hat sie recht?
Beispiel frei erfunden.
Was bedeutet Bias im Alltag und in der Forschung?
Im Alltag heißt „biased“ meist voreingenommen. In der Forschung ist die Bedeutung enger und neutraler: Ein Bias ist jede Abweichung, die immer in dieselbe Richtung zeigt. Er muss nichts mit Vorurteilen über Menschen zu tun haben.
Ein Bild aus dem Alltag: Deine Küchenwaage zeigt immer 50 Gramm zu viel. Jede Messung ist falsch, aber auf dieselbe Weise. Wenn du das weißt, ziehst du einfach 50 Gramm ab. So funktioniert die Korrektur eines Bias.
Das Wort hat je nach Fach eine eigene Bedeutung:
- Psychologie: systematische Verzerrung im Denken, etwa der Confirmation Bias.
- Statistik: Abweichung eines Schätzwertes vom wahren Wert, die im Mittel bestehen bleibt.
- Forschung: Verzerrung durch die Art der Untersuchung, etwa wenn nur bestimmte Personen befragt werden.
- Umgangssprache: Parteilichkeit, Voreingenommenheit oder, in Fangemeinden, der Lieblingsstar.
MerksatzEin Bias zeigt immer in dieselbe Richtung. Das macht ihn gefährlich und zugleich korrigierbar.
Wie unterscheidet sich ein Bias von Vorurteil, Heuristik und Noise?
Ein Bias ist eine Richtung im Fehler. Ein Vorurteil ist eine Haltung gegenüber Menschen, eine Heuristik ist eine Faustregel und Noise ist zufällige Streuung. Die vier Begriffe werden oft vermischt.
| Begriff | Was er beschreibt | Verhältnis zum Bias |
|---|---|---|
| Bias | Systematische Abweichung eines Urteils in eine Richtung. | der Begriff, um den es auf dieser Seite geht |
| Vorurteil | Eine vorgefasste, meist negative Haltung gegenüber Menschen oder Gruppen. | kann einen Bias verursachen und ist selbst eine Einstellung gegenüber Menschen |
| Heuristik | Eine Faustregel, die bewusst Informationen weglässt. | kann zu einem Bias führen, wenn sie in einer unpassenden Lage genutzt wird |
| Noise (Streuung) | Unerwünschte Schwankung zwischen Urteilen, die gleich sein sollten. | der zweite Fehlertyp neben dem Bias, ohne feste Richtung |
Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass Sunstein machten 2021 mit ihrem Buch „Noise“ darauf aufmerksam, dass Organisationen oft nur über Bias sprechen. Die Streuung zwischen Fachleuten, die denselben Fall bewerten, sei häufig ebenso groß. Mehr dazu auf der Seite Noise: das unterschätzte Problem neben Bias.
MerksatzFrage bei jedem Fehler: Zeigt er immer in dieselbe Richtung, oder streut er?
Woher kommt ein Bias?
Ein Bias kommt meist aus einer von drei Quellen: einer Faustregel, die nicht zur Lage passt, einem Wunsch, der das Urteil färbt, oder Daten, die nur einen Ausschnitt zeigen.
- Faustregel: Du schätzt die Häufigkeit danach, wie leicht dir Beispiele einfallen. Das passt meist, verzerrt aber bei Ereignissen, über die viel berichtet wird. Mehr dazu auf der Seite Heuristiken.
- Wunsch: Du möchtest, dass dein Projekt gelingt. Darum wirken gute Nachrichten glaubwürdiger als schlechte.
- Daten: Du kennst nur die Fälle, die bei dir landen. Sabine sieht die alten Autos, die mit Schäden zurückkommen. Die, die nach der Reparatur jahrelang problemlos fahren, sieht sie nie wieder.
Bei Sabine wirkt vor allem die dritte Quelle. Ihre Erfahrung ist echt. Sie stammt aus einem schiefen Ausschnitt.
MerksatzFrage bei einer Schlagseite zuerst, woher deine Beispiele stammen.
Wie erkennst du einen Bias bei dir selbst?
Ein eigener Bias fühlt sich von innen richtig an. Sichtbar wird er, wenn du viele deiner Urteile mit einem Maßstab vergleichst.
Sabine kann prüfen, wie lange die alten Autos gefahren sind, deren Besitzer trotz ihres Rats repariert haben. Laufen viele noch Jahre ohne große Schäden, hat ihr Muster eine Schlagseite und kostet Kunden Geld. Fallen die meisten bald aus, ist ihre Erfahrung ein guter Hinweis. Ohne diese Zahlen bleibt nur das Gefühl, und das spricht meist für die eigene Sicht.
Organisationale Grenze: „Bias“ als Totschlagargument. In Teams nutzen manche den Vorwurf „Du bist biased“, um eine unbequeme Einschätzung abzuwerten, ohne sie zu prüfen. Damit wird der Begriff selbst zum Denkfehler. Schutz im Prozess: Wer einen Bias vermutet, nennt die Richtung und schlägt vor, wie sie an Daten geprüft wird. Ein Vorwurf ohne Prüfvorschlag zählt nicht als Argument.
MerksatzEinen Bias zu vermuten, ist eine Hypothese. Erst der Vergleich mit Daten macht daraus einen Befund.
Gegenmittel
So gleichst du einen Bias aus: vier Schritte
- Benenne die Richtung. Zu optimistisch, zu streng, zu schnell? Ein Bias ohne Richtung lässt sich nicht prüfen.
- Sammle Vergleichsdaten. Vergleiche deine Urteile mit Ergebnissen oder mit Urteilen anderer zum selben Fall.
- Nutze feste Kriterien. Eine Checkliste, die bei jedem Fall gleich abgearbeitet wird, verringert systematische Schlagseiten.
- Hole eine unabhängige zweite Einschätzung. Am besten, bevor die andere Person dein Urteil kennt. Weitere Techniken stehen auf der Seite Debiasing.
Übung
Bias oder Noise erkennen
Drei Teamleiter bewerten unabhängig dieselben zehn Bewerbungsmappen auf einer Skala von 1 bis 10. Teamleiter A vergibt im Schnitt 2 Punkte weniger als die anderen beiden, aber in derselben Reihenfolge. Teamleiter B und C vergeben im Mittel gleich viel, ordnen die Mappen aber sehr unterschiedlich. Was liegt vor?
- ABei A ein Bias, zwischen B und C vor allem Noise.
- BBei allen dreien nur Noise.
- CBei B und C ein Bias, bei A Noise.
Auflösung anzeigen
Antwort A. Teamleiter A ist systematisch strenger, aber konsistent. Das ist ein Bias, der sich mit einem Ausgleich von 2 Punkten korrigieren ließe. B und C liegen im Mittel gleich, urteilen aber im Einzelfall verschieden. Das ist Streuung, und die lässt sich vor allem mit klareren Kriterien verringern.
Häufige Fragen
Was heißt Bias auf Deutsch?
Bias heißt auf Deutsch Verzerrung, Schlagseite oder Voreingenommenheit. In der Psychologie spricht man von kognitiver Verzerrung, in der Statistik von systematischem Fehler.
Was bedeutet „biased“?
„Biased“ heißt voreingenommen oder verzerrt. Wer biased ist, beurteilt eine Sache mit einer Schlagseite in eine Richtung.
Ist ein Bias immer schlecht?
Ein Bias ist ein systematischer Fehler im Urteil, also nie das Ziel. Die Faustregeln, aus denen er entsteht, sparen aber Zeit und liegen in vertrauten Lagen oft richtig. Teuer wird ein Bias dort, wo viel auf dem Spiel steht und dieselbe Schlagseite sich über viele Entscheidungen summiert.
Welche Arten von Bias gibt es?
In Entscheidungen begegnen dir vor allem kognitive Verzerrungen wie der Bestätigungsfehler, der Ankereffekt oder die Selbstüberschätzung. Dazu kommen Verzerrungen in Daten und Studien. Einen Überblick über wichtige Denkfehler gibt die Seite Denkfehler und kognitive Verzerrungen.
Quellen
- Tversky, A. und Kahneman, D. (1974). Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Science, 185(4157), 1124-1131. PubMed
- Kahneman, D., Sibony, O. und Sunstein, C. R. (2021). Noise: A Flaw in Human Judgment. New York: Little, Brown Spark.
- Kahneman, D., Sibony, O. und Sunstein, C. R. (2021). Bias Is a Big Problem. But So Is ‘Noise’. The New York Times, Gastbeitrag zum Buch, mit der Studie zu 48 Underwritern einer Versicherung. Wiedergabe: David Labaree
- Duden online, Stichwort Bias, Herkunft: englisch bias, zu französisch biais, schief, schräg. duden.de
Vormerkliste
Neues zuerst erfahren
Trag dich ein, dann erfährst du zuerst, wenn es im Themenfeld „Denkfehler“ Neues gibt und wann das Training für Führungsteams buchbar ist. Wir schreiben nur, wenn es etwas Neues gibt.