Führung und Team · Vertiefung
Konsens oder Konsent? Unterschied und Einsatz
Was die beiden Verfahren unterscheidet, wie sie ablaufen und woran du erkennst, welches zu deiner Entscheidung passt.
In 43 Sekunden erklärt
Was im Video gesagt wird
Alle sollen zustimmen. Die Sitzung läuft noch.
Entscheiden im Team: Konsens oder Konsent? Ein Buchstabe Unterschied.
Weg 1 / 2: Konsens: Alle stimmen zu. Ein einziges Bedenken stoppt den Beschluss.
Weg 2 / 2: Konsent: kein schwerer Einwand. Die Frage lautet: Spricht ernsthaft etwas dagegen?
Große Teams: Erst Punkte, dann Delegierte. Dot Voting im Plenum, Konsent in kleiner Runde.
Die Regel: Frag nach Einwänden, nicht nach Zustimmung.
Weiterlesen: Entscheiden im Team: Konsens oder Konsent.
T1Leaders. Wissen für Entscheidungen mit Folgen.
| Merkmal | Konsens | Konsent |
|---|---|---|
| Frage an die Gruppe | Stimmen alle zu? | Hat jemand einen begründeten Einwand? |
| Was genügt | aktive Zustimmung aller | kein offener Einwand |
| Umgang mit Vorlieben | jede Vorliebe kann die Einigung verhindern | Vorlieben werden gehört, blockieren aber nicht |
| Typische Dauer | eher lang, mehrere Runden | eher kurz, Einwände werden einzeln bearbeitet |
| Stärke | hohe Zustimmung und Bindung | Tempo, Lernen durch Ausprobieren |
| Schwäche | eine Person kann alles aufhalten | braucht Übung, Einwand und Vorliebe zu trennen |
| Passt zu | Werten, Grundsätzen, dauerhaften Festlegungen | Regeln auf Probe mit festem Überprüfungstermin |
Gegenüberstellung von T1Leaders, Konsent nach Sociocracy 3.0.
Mittwoch, 19:30 Uhr. Die sechs Partnerinnen und Partner einer Physiotherapiepraxis sitzen seit einer Stunde zusammen. Jana hat vorgeschlagen, samstags von 8 bis 13 Uhr Termine anzubieten, im Wechsel. Vier sind dafür. Ein Kollege findet Samstage grundsätzlich unattraktiv. Eine Kollegin weist darauf hin, dass samstags keine Empfangskraft da wäre und niemand Notfälle annehmen könnte. Die Praxis entscheidet traditionell im Konsens. Nach einer Stunde gibt es kein Ergebnis.
Beispiel frei erfunden.
Was bedeutet Konsens im Team?
Konsens heißt, dass am Ende alle zustimmen. Jede Person hat damit faktisch ein Vetorecht. Das hat einen großen Vorteil: Eine Entscheidung, der alle zugestimmt haben, wird meist auch von allen getragen. Dafür hat das Verfahren einen Preis. Je größer die Gruppe und je unterschiedlicher die Interessen, desto länger dauert die Suche nach einer Lösung, der alle zustimmen.
In Janas Praxis zeigt sich die Schwäche. Der Kollege, der Samstage unattraktiv findet, kann die Entscheidung allein aufhalten. Sein Grund ist eine Vorliebe. Im Konsens zählt sie so viel wie ein sachlicher Einwand.
Konsens wird außerdem oft nur behauptet. Wenn niemand widerspricht, weil der Druck groß ist oder die Chefin schon eine Meinung geäußert hat, gilt Schweigen schnell als Zustimmung, obwohl niemand zugestimmt hat. Wie Gruppen sich zu schnell einig werden, erklärt Gruppendenken.
Was bedeutet Konsent, und wann liegt ein Einwand vor?
Konsent dreht die Frage um. Gefragt wird, ob jemand einen begründeten Einwand hat. Bernhard Bockelbrink, James Priest und Liliana David beschreiben das Verfahren in Sociocracy 3.0. Ein Vorschlag gilt als angenommen, wenn er gut genug für jetzt und sicher genug ist, um ihn bis zur nächsten Überprüfung auszuprobieren.
Die Unterscheidung zwischen Einwand und Vorliebe trägt das Verfahren. Die Einwand-Probe von T1Leaders stellt dafür drei Fragen: Welche Folge oder welches Risiko zeigt der Einwand? Woran lässt sich das prüfen? Was müsste sich am Vorschlag ändern, damit der Einwand erledigt ist?
In Janas Praxis besteht die Sorge um den fehlenden Empfang alle drei Fragen. Sie zeigt ein Risiko, sie lässt sich prüfen, und es gibt eine Änderung: Jemand übernimmt samstags das Telefon. Die Abneigung gegen Samstage besteht keine der Fragen. Sie wird gehört und ins Protokoll aufgenommen.
MerksatzEin Einwand zeigt ein Risiko. Eine Vorliebe zeigt einen Wunsch.
Wie unterscheiden sich die beiden Abläufe?
Der Konsens läuft meist in offenen Runden ab: Positionen sammeln, Interessen klären, einen Vorschlag so lange anpassen, bis alle zustimmen. Der Konsent folgt einer festeren Reihenfolge. Sociocracy 3.0 nennt unter anderem diese Schritte: Anlass klären, Vorschlag vorstellen, Verständnisfragen, eine kurze Runde mit Eindrücken, Einwände abfragen, jeden Einwand prüfen und den Vorschlag anpassen.
Jana schlägt vor, für diese eine Frage zum Konsent zu wechseln. Die Runde stimmt dem Verfahrenswechsel zu, bevor es um den Inhalt geht. Dann stellt Jana den Vorschlag erneut vor, diesmal mit einer Ergänzung: Samstags übernimmt die jeweils diensthabende Person auch das Telefon, für drei Monate auf Probe. Es gibt keinen Einwand mehr. Der Kollege, der Samstage nicht mag, lässt seine Bedenken festhalten. Nach drei Monaten schaut die Runde auf Auslastung und Belastung.
Auf den Zeitpunkt des Wechsels kommt es an. Wer das Verfahren mitten in der Diskussion ändert, weil ihm das Ergebnis nicht gefällt, verspielt Vertrauen. Das Verfahren gehört an den Anfang. Wie das in einem Meeting aussieht, zeigt Entscheidungsmeetings.
Wann passt Konsens besser und wann Konsent?
Die Wahl hängt vor allem an zwei Fragen: Lässt sich die Entscheidung ausprobieren und korrigieren? Und wie wichtig ist es, dass jede Person aktiv zustimmt? Bei Grundsätzen, die das Miteinander dauerhaft prägen, ist Konsens oft die bessere Wahl. Bei Regeln, die sich nach einer Probezeit ändern lassen, passt Konsent.
| Entscheidung | Eher Konsens | Eher Konsent |
|---|---|---|
| Leitbild oder Werte des Teams | ja | |
| Aufnahme einer neuen Partnerin in eine Praxis | ja | |
| neue Öffnungszeiten auf Probe | ja | |
| Ablauf der Wochenbesprechung | ja | |
| Wahl eines neuen Werkzeugs für drei Monate | ja |
Einordnung von T1Leaders.
Neben Konsens und Konsent gibt es weitere Verfahren. Beim systemischen Konsensieren bewerten alle die Vorschläge nach ihrem Widerstand. Mehr dazu unter Systemisches Konsensieren. Wenn eine Führungskraft nach Beratung selbst entscheidet und Widerspruch festgehalten wird, hilft der Grundsatz Disagree and Commit. Einen Überblick über die Beteiligungsformen findest du unter Entscheidungen im Team.
Grenzen
Wo stoßen beide Verfahren an Grenzen?
- Akute Gefahr: Dann entscheidet die zuständige Person sofort. Für Runden bleibt keine Zeit.
- Rechtliche Vorgaben: Manche Entscheidungen brauchen ein förmliches Verfahren, etwa einen Beschluss nach Gesellschaftsvertrag oder die Beteiligung des Betriebsrats. Konsent ersetzt das nicht.
- Fehlendes Mandat: Eine Gruppe kann nur über das entscheiden, wofür sie zuständig ist.
- Druck im Raum: Wenn Menschen Angst haben, Einwände zu äußern, funktionieren beide Verfahren nicht.
- Organisationale Grenze: Wer wählt das Verfahren? Ohne klare Regel streitet die Gruppe über das Verfahren, und die Sache bleibt liegen. Schutz im Prozess: vorab festlegen, wer das Verfahren vorschlägt und wie darüber entschieden wird.
Gegenmittel
So wählst du das passende Verfahren
- Prüfen, ob die Entscheidung umkehrbar ist und sich auf Probe einführen lässt.
- Verfahren vor der Diskussion vereinbaren.
- Bei Konsent jeden Einwand mit der Einwand-Probe prüfen.
- Bedenken festhalten, auch wenn sie nicht blockieren.
- Einen Termin für die Überprüfung festlegen.
Situationsfrage
Ein Redaktionsteam will die Morgenkonferenz von 9:00 auf 9:30 Uhr verlegen, für zwei Monate auf Probe. Drei Rückmeldungen kommen. Welche ist ein Einwand im Sinne des Konsent?
- A„Ich bin morgens fitter, mir wäre 9:00 Uhr lieber.“
- B„Um 9:30 Uhr läuft die Abstimmung mit der Druckerei. Dann fehlt die Spätdienstleitung in der Konferenz.“
- C„Wir haben das immer um 9:00 Uhr gemacht.“
Auflösung anzeigen
Antwort B. Die Rückmeldung zeigt ein konkretes, prüfbares Risiko und legt eine Änderung nahe. Antwort A ist eine Vorliebe. Antwort C beschreibt eine Gewohnheit ohne Risiko.
Häufige Fragen
Was bedeutet Konsent?
Konsent ist ein Entscheidungsverfahren, bei dem ein Vorschlag angenommen ist, wenn niemand einen begründeten Einwand hat. Zustimmung oder Begeisterung aller ist nicht nötig.
Was heißt „konsentiert“?
Ein Vorschlag ist konsentiert, wenn er im Konsent-Verfahren ohne offenen Einwand angenommen wurde.
Ist Konsent dasselbe wie eine Mehrheitsentscheidung?
Nein. Bei einer Mehrheit kann die Minderheit überstimmt werden, auch mit berechtigten Sorgen. Beim Konsent muss jeder begründete Einwand bearbeitet werden, egal wie viele ihn teilen.
Quellen
- Bockelbrink, B., Priest, J. und David, L. Sociocracy 3.0: Consent Decision Making. CC BY-SA 4.0. Sociocracy 3.0
Vormerkliste
Neues zuerst erfahren
Trag dich ein, dann erfährst du zuerst, wenn es im Themenfeld „Führung und Team“ Neues gibt und wann das Training für Führungsteams buchbar ist. Wir schreiben nur, wenn es etwas Neues gibt.