Methoden · Vertiefung
Systemisches Konsensieren: Ablauf mit Abstimmungs-Tool
Wie ein Team die Lösung findet, gegen die es den geringsten Widerstand gibt, und warum das oft eine andere ist als die knappe Mehrheit.
Redaktionskonferenz in einem Regionalradio. Sieben Leute, ein Problem: die Wochenenddienste. Bisher rotiert der Plan, jede Person ist jedes dritte Wochenende dran. Drei Vorschläge liegen auf dem Tisch. Eine Abstimmung per Handzeichen ergäbe eine Mehrheit für zwei feste Wochenendstellen. Drei Kolleginnen haben aber schon gesagt, dass sie das auf keinen Fall wollen. Wie findet das Team eine Lösung, die alle sieben mittragen können?
Beispiel frei erfunden.
Wie läuft systemisches Konsensieren ab?
Der Ablauf hat fünf Schritte: Frage klären, Rahmen setzen, Vorschläge sammeln, Widerstand bewerten, auswerten. Für eine kleine Gruppe reichen 45 bis 60 Minuten.
- Frage klären: Eine offene Frage, auf die es mehr als ja oder nein gibt. Im Radio: „Wie regeln wir ab Januar die Wochenenddienste?“
- Rahmen setzen: Was steht fest? Im Beispiel: Jedes Wochenende braucht zwei Personen in der Redaktion, das Budget für Zuschläge ist begrenzt.
- Vorschläge sammeln, mit Passivlösung: Alle Ideen kommen gleichberechtigt auf die Liste. Dazu immer die Passivlösung: Es bleibt, wie es ist.
- Widerstand bewerten: Jede Person bewertet jeden Vorschlag einzeln, von 0 (kein Einwand) bis 10 (starke Ablehnung).
- Auswerten: Punkte pro Vorschlag addieren. Die niedrigste Summe gewinnt.
Ein Bild aus dem Alltag: Fünf Freunde suchen ein Restaurant. Fragst du „Wer will zum Italiener?“, gewinnt vielleicht der Italiener mit drei Stimmen. Fragst du „Wogegen hat jemand etwas?“, merkst du, dass einer keine Pasta verträgt und eine andere den Laden nicht mag. Dann landet ihr beim Griechen, mit dem alle gut leben können.
Warum misst das Verfahren den Widerstand?
Widerstand zeigt, wie stark eine Lösung jemanden stört. Eine einfache Stimme für oder gegen einen Vorschlag bildet diese Stärke nicht ab. Bei einer Mehrheitswahl kann eine Lösung gewinnen, die eine Minderheit vehement ablehnt.
Im Radio bewertet das Team vier Optionen. Die Zahlen in der Tabelle zeigen den Unterschied zur Mehrheitswahl.
Abstimmung nach Widerstandspunkten
| Option | Jana | Malte | Sevgi | Tobias | Ines | Paul | Rieke | Summe | Durchschnitt |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Passivlösung: Rotation wie bisher | 7 | 8 | 6 | 9 | 5 | 8 | 7 | 50 | 7,14 |
| A: Freiwillige zuerst, Rest rotiert | 2 | 3 | 1 | 4 | 6 | 2 | 3 | 21 | 3,00 |
| B: Zwei feste Wochenendstellen | 1 | 1 | 8 | 2 | 9 | 1 | 10 | 32 | 4,57 |
| C: Halbe Schichten für alle | 4 | 6 | 3 | 5 | 2 | 7 | 4 | 31 | 4,43 |
Lege eine Tabelle an: Vorschläge in Zeilen, Personen in Spalten. Jede Person trägt 0 bis 10 ein. Rechts addierst du jede Zeile.
Werte frei gewählt zur Veranschaulichung. Durchschnitt: Summe geteilt durch sieben, gerundet auf zwei Nachkommastellen.
Option B wäre bei einer Mehrheitswahl vorn: Für Jana, Malte, Tobias und Paul hat sie den geringsten Widerstand, das sind vier von sieben. Sevgi, Ines und Rieke lehnen sie aber stark ab, mit 8, 9 und 10 Punkten. Option A hat die niedrigste Summe. Niemand gibt ihr mehr als 6 Punkte.
Die Passivlösung liefert eine zweite Information. Mit 50 Punkten ist sie die unbeliebteste Option. Das Team will also eine Änderung. Hätte die Passivlösung am wenigsten Widerstand, wäre das ein Zeichen, alles beim Alten zu lassen.
Wie unterscheidet sich das Verfahren von Konsens und Konsent?
Konsens verlangt Zustimmung aller. Konsent fragt, ob jemand einen schwerwiegenden Einwand hat. Systemisches Konsensieren vergleicht mehrere Vorschläge nach der Stärke des Widerstands.
| Verfahren | Was gefragt wird | Was entsteht |
|---|---|---|
| Mehrheitswahl | Wer ist für welchen Vorschlag? | eine Lösung mit den meisten Stimmen, auch gegen starken Widerstand |
| Konsens | Stimmen alle zu? | eine Lösung, die alle wollen, oft nach langer Diskussion |
| Konsent | Hat jemand einen schwerwiegenden Einwand? | ein Vorschlag, der für alle tragbar ist |
| Systemisches Konsensieren | Wie stark ist dein Widerstand gegen jeden Vorschlag? | der Vorschlag mit dem geringsten Gesamtwiderstand |
Mehr zum Unterschied zwischen Konsens und Konsent, mit Beispielen, findest du unter Konsens oder Konsent?.
Grenzen
Wann passt systemisches Konsensieren nicht?
- Wenn eine Person die Verantwortung trägt: Muss die Teamleitung am Ende geradestehen, darf sie das Ergebnis nicht an eine Abstimmung abgeben, die sie nicht mittragen kann. Dann kann das Verfahren eine Empfehlung liefern, die Entscheidung bleibt bei ihr.
- Wenn die Vorschläge nicht umsetzbar sind: Eine Option mit niedrigem Widerstand, die gegen Arbeitszeitrecht oder Budget verstößt, hilft niemandem. Der Rahmen gehört vor die Bewertung.
- Wenn die Skala taktisch genutzt wird: Wer bei allen anderen Optionen 10 vergibt, verzerrt das Ergebnis. Bei kleinen Gruppen fällt das auf und lässt sich ansprechen.
- Wenn es eilt: In einer akuten Lage ist keine Zeit für eine Bewertungsrunde.
- Organisationale Grenze: Beteiligung als Kulisse. In manchen Unternehmen steht das Ergebnis schon fest, und das Verfahren soll nur Zustimmung erzeugen. Die Leitung lässt nur Vorschläge zu, die ihr passen. Schutz im Prozess: Vorab schriftlich festhalten, wer entscheidet und ob das Ergebnis bindend ist. Alle Vorschläge, die den Rahmen einhalten, kommen auf die Liste.
Gegenmittel
So setzt du das Verfahren im Team ein
- Entscheidungsrahmen klären: Wer entscheidet, ist das Ergebnis bindend, was steht fest?
- Frage offen formulieren und die Passivlösung immer auf die Liste setzen.
- Bewertung einzeln und gleichzeitig: Zettel, Karten oder ein Formular, damit niemand sich an anderen orientiert.
- Auswerten und hinschauen: Neben der Summe auch die höchsten Einzelwerte ansehen. Eine 10 ist ein Gesprächsanlass.
- Ergebnis verbessern: Frage die Person mit dem höchsten Widerstand gegen den Siegervorschlag, was ihn senken würde. Wie Teamentscheidungen insgesamt gelingen, zeigt die Seite Entscheidungen im Team.
Übung
Übung am eigenen Fall
Dein Team hat drei Vorschläge und die Passivlösung bewertet. Vorschlag 2 hat die niedrigste Summe, eine Person hat ihm aber 10 Punkte gegeben. Was tust du?
- AVorschlag 2 sofort umsetzen, die Summe ist eindeutig.
- BVorschlag 2 als Favoriten festhalten und die Person mit 10 Punkten fragen, was ihren Widerstand senken würde. Danach entscheiden.
- CNeu abstimmen, diesmal per Handzeichen.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Antwort A übergeht ein starkes Warnsignal. Antwort C wirft die Information über die Stärke des Widerstands weg. Antwort B nutzt das Ergebnis und verbessert den Vorschlag, bevor er umgesetzt wird.
Häufige Fragen
Wer hat das systemische Konsensieren entwickelt?
Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta aus Graz. Visotschnig beschrieb das Verfahren 2005 in dem Buch „Das SK-Prinzip“, Schrotta 2011 in „Wie wir klüger entscheiden“.
Muss die Skala von 0 bis 10 gehen?
Nein. Für schnelle Runden nutzen manche Gruppen Handzeichen mit 0 bis 2 Punkten. Die feinere Skala von 0 bis 10 zeigt Unterschiede genauer, braucht aber Zettel oder ein Formular.
Was passiert bei Gleichstand?
Liegen zwei Vorschläge gleichauf, vergleiche die höchsten Einzelwerte. Oft lässt sich einer der beiden so anpassen, dass der größte Widerstand sinkt.
Quellen
- Methodenblatt Systemisches Konsensieren, Katholische Erwachsenenbildung im Bistum Mainz: bistummainz.de
- Systemic Consensing, Überblick mit Literatur zu Schrotta (2011) und Visotschnig (2005): Wikipedia
- Visotschnig, E. (2005). Das SK-Prinzip.
- Schrotta, S. (2011). Wie wir klüger entscheiden. Einfach, schnell, konfliktlösend.
Vormerkliste
Neues zuerst erfahren
Trag dich ein, dann erfährst du zuerst, wenn es im Themenfeld „Methoden“ Neues gibt und wann das Training für Führungsteams buchbar ist. Wir schreiben nur, wenn es etwas Neues gibt.