Druck und Krise · Vertiefung
Führungsvorgang der Feuerwehr, übertragen auf Unternehmen
Wie die Feuerwehr im Einsatz führt, wie der Führungsvorgang als Kreislauf funktioniert und was sich davon auf eine Störung im Betrieb übertragen lässt.
In 43 Sekunden erklärt
Was im Video gesagt wird
Der Einsatz läuft. Wer denkt gerade voraus?
Transfer: Führungsvorgang: Ein Kreislauf, der nie stoppt. Aus Bundeswehr und Feuerwehr.
Schritt 1 / 4: Lage feststellen. Was ist? Was ändert sich?
Schritt 2 / 4: Planen. Optionen abwägen, Entschluss fassen.
Schritt 3 / 4: Auftrag erteilen. Im Original: Befehlsgebung.
Schritt 4 / 4: Kontrolle. Wirkt es? Dann zurück zur Lage.
Die Regel: Führen ist ein Kreislauf. Kein einmaliger Akt.
Weiterlesen: Führungsvorgang: Was Unternehmen übernehmen können.
T1Leaders. Transfer aus Hochrisiko-Berufen.
Dienstag, 5:40 Uhr. Ralf ist Lagerleiter eines Elektronikgroßhändlers. Der Nachtwächter ruft an: In der Halle mit dem Hochregallager tropft Wasser von der Decke, offenbar ist ein Rohr gebrochen. In den Regalen lagern Waren im Wert von mehreren Millionen Euro. Um 7:00 Uhr beginnt die Frühschicht, um 8:00 Uhr kommen die ersten Lkw zur Abholung. Ralf fährt los und überlegt im Auto, womit er anfangen soll.
Beispiel frei erfunden.
Was ist der Führungsvorgang?
Der Führungsvorgang ist der feste Ablauf, nach dem Einsatzkräfte der Feuerwehr eine Lage bewältigen. Beschrieben ist er in der Feuerwehr-Dienstvorschrift 100 mit dem Titel „Führung und Leitung im Einsatz“. Sie wurde 1999 vom zuständigen Ausschuss der Innenministerkonferenz verabschiedet und den Ländern zur Einführung empfohlen.
Die drei Teile des Führungssystems hängen zusammen. Ein guter Ablauf hilft wenig, wenn unklar ist, wer führt, oder wenn Funkgeräte und Lagekarten fehlen. Im Unternehmen entsprechen dem Aufbau die Zuständigkeiten in einer Störung und den Führungsmitteln Telefonlisten, ein fester Treffpunkt und ein Ort, an dem die Lage festgehalten wird.
Für Ralf ist das ein nützliches Gerüst. Er muss nicht improvisieren, wie er an die Lage herangeht. Er kann den Ablauf nutzen, den Einsatzkräfte für viel gefährlichere Lagen üben.
Wie funktionieren die Phasen?
Jede Phase hat eine klare Aufgabe. Die Lagefeststellung klärt, was los ist, und prüft später, ob die Maßnahmen wirken. Die Planung beurteilt die Lage und führt zu einem Entschluss. Die Befehlsgebung setzt den Entschluss in klare Aufträge um.
Der Führungskreislauf bei einer Betriebsstörung
| Phase | Teilschritt | Was Ralf tut (erste Runde, 6:00 Uhr) |
|---|---|---|
| Lagefeststellung | Erkundung | Halle begehen: Wo tropft es, wie stark, welche Regale sind betroffen? Haustechnik erreichen. |
| Planung | Beurteilung | Wasser muss gestoppt werden, betroffene Waren müssen raus, die Abholung um 8:00 Uhr ist gefährdet. |
| Planung | Entschluss | Hauptwasserhahn schließen, drei Regalreihen räumen, Abholungen verschieben. |
| Befehlsgebung | Aufträge | Haustechnik schließt den Hahn, Frühschicht räumt die Regale ab 7:00 Uhr, Disposition informiert die Spediteure. |
| Lagefeststellung | Kontrolle (zweite Runde, 6:30 Uhr) | Tropft es noch? Sind die Spediteure informiert? Gibt es neue Schäden? |
Lies die Tabelle von oben nach unten.
Phasen nach FwDV 100, Beispiel von T1Leaders, frei erfunden.
Bei der Kontrolle um 6:30 Uhr stellt Ralf fest, dass das Wasser zwar gestoppt ist, aber in einer vierten Regalreihe Kartons nass sind, die er übersehen hatte. Eine neue Planung folgt: Diese Reihe kommt zusätzlich dran. So zeigt sich der Kern des Kreislaufs: Die Lage verändert sich, und die Führung passt sich an.
Ein Bild aus dem Alltag: Wer bei einem Familienfest kocht, schaut ständig nach, ob etwas anbrennt, plant den nächsten Schritt und verteilt Aufgaben an Helfer. Nach jedem Schritt beginnt das Nachschauen von vorn. Das ist ein Führungskreislauf im Kleinen.
Im Unternehmen ähnelt der Kreislauf dem OODA-Loop. Wie Entscheidungen in einer Krise mit wechselnden Lagen ablaufen, erklärt Krisenmanagement.
MerksatzDie Kontrolle ist der Anfang der nächsten Runde.
Was lässt sich übertragen?
Drei Elemente lassen sich gut auf Störungen im Unternehmen übertragen. Erstens der Kreislauf selbst: feststellen, planen, beauftragen, kontrollieren. Zweitens die Trennung von Beurteilung und Entschluss: Erst die Lage bewerten, dann entscheiden. Drittens klare Aufträge: Wer macht was bis wann?
Die Trennung von Beurteilung und Entschluss klingt selbstverständlich, wird unter Druck aber oft übersprungen. Wer sofort handelt, entscheidet häufig nach dem ersten Eindruck. Bei Ralf hätte das bedeutet, zuerst die Ware zu retten, die er als Erstes sieht. Die Beurteilung zeigt, dass das Wasser zuerst gestoppt werden muss, sonst kommt für jede geräumte Reihe eine neue nasse hinzu.
Auch die Form der Aufträge lässt sich übernehmen. Ralf gibt der Frühschicht zum Auftrag auch Ziel und Grenze mit. Er sagt: „Ziel ist, bis 9 Uhr alle nassen Kartons aus den Reihen 12 bis 15 in Halle B zu bringen. Elektronik in nassen Kartons nicht öffnen.“ So können die Kolleginnen und Kollegen selbst entscheiden, wenn sie auf etwas Unerwartetes stoßen, etwa auf eine Palette, die zu schwer für den Stapler ist.
Hinter dieser Form steht ein Grundsatz aus der militärischen Führungslehre, das Führen mit Auftrag, erklärt unter Auftragstaktik. Bei größeren Lagen übernimmt ein Stab die Aufgaben der Führung. Wie das im Unternehmen aussieht, findest du unter Einen Krisenstab aufbauen.
Grenzen
Was ist im Unternehmen anders?
- Übung und Ausbildung: Feuerwehrleute üben den Führungsvorgang regelmäßig. Im Unternehmen kennt ihn oft niemand, bevor die Störung eintritt.
- Klare Rollen: Bei der Feuerwehr ist festgelegt, wer führt. Im Unternehmen ist das in einer Störung oft offen, besonders nachts oder am Wochenende.
- Befehl und Gehorsam: Die Feuerwehr arbeitet mit klaren Befehlen. Im Unternehmen wirken Aufträge oft über Absprache und Überzeugung.
- Andere Ziele: Bei der Feuerwehr stehen Menschenleben und Sachwerte im Vordergrund. Im Unternehmen kommen Kunden, Verträge und Ruf hinzu.
- Organisationale Grenze: Keine Vorbereitung. Ohne vorher festgelegte Ansprechpartner, Telefonlisten und Zuständigkeiten verliert die erste Runde viel Zeit. Schutz im Prozess: für typische Störungen eine Liste mit Rollen und Kontakten bereithalten.
Gegenmittel
So nutzt du den Führungsvorgang bei einer Störung
Die folgenden fünf Schritte passen auf eine Karte im Portemonnaie oder neben das Telefon der Bereitschaft.
- Erkunden: Was ist passiert, wo, wie schlimm, wer ist betroffen?
- Beurteilen: Was bedeutet das, und was droht als Nächstes?
- Entschließen: Welche Maßnahmen haben Vorrang?
- Beauftragen: Wer macht was bis wann, und mit welchem Ziel?
- Kontrollieren: in festen Abständen neu erkunden, ob die Maßnahmen wirken, und den Kreislauf von vorn beginnen.
Situationsfrage
In einer Bäckerei fällt am Morgen der große Ofen aus. Die Leiterin verteilt sofort Aufgaben: Ein Mitarbeiter ruft den Techniker, eine Kollegin backt mit dem kleinen Ofen, ein dritter informiert die Filialen. Zwei Stunden später stellt sich heraus, dass der Techniker erst am Nachmittag kommt und die Filialen nicht wissen, wann Ware kommt. Welche Phase fehlte?
- ADie Befehlsgebung, weil die Aufträge unklar waren.
- BDie Kontrolle als Teil der neuen Lagefeststellung. Niemand hat nach einer Weile geprüft, ob die Maßnahmen wirken.
- CDie Erkundung, weil der Ofen nicht untersucht wurde.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Die erste Runde war gut, danach riss der Kreislauf ab. Eine Kontrolle nach einer halben Stunde hätte gezeigt, dass der Techniker später kommt. Die Antworten A und C beschreiben Phasen, die funktioniert haben.
Häufige Fragen
Welche Phasen hat der Führungsvorgang der Feuerwehr?
Lagefeststellung mit Erkundung und Kontrolle, Planung mit Beurteilung und Entschluss sowie Befehlsgebung. Danach beginnt der Kreislauf von vorn.
Wo ist der Führungsvorgang geregelt?
In der Feuerwehr-Dienstvorschrift 100 „Führung und Leitung im Einsatz“, Stand 1999. Sie beschreibt das gesamte Führungssystem der Feuerwehr.
Kann man den Führungsvorgang im Unternehmen nutzen?
Ja, vor allem bei Störungen, die sich laufend verändern. Mache ihn vorher bekannt und lege die Rollen fest.
Quellen
- Feuerwehr-Dienstvorschrift 100: Führung und Leitung im Einsatz, Führungssystem. Stand September 1999. Hessische Landesfeuerwehrschule
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