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Führung und Team · Vertiefung

Auftragstaktik: führen mit Absicht, Ziel und Rahmen

Woher die Auftragstaktik kommt, wie das Prinzip funktioniert, wie du einen Auftrag mit Absicht formulierst und wo das Prinzip im Unternehmen an Grenzen stößt.

Stand · David Rudolph · rund 6 Minuten Lesezeit

In 43 Sekunden erklärt

Auftragstaktik: Der Plan ist gut. Dann ändert sich die Lage.
Was im Video gesagt wird

Der Plan ist gut. Dann ändert sich die Lage.

Auftragstaktik: Einzelanweisung bricht. Neue Lage, keine Anweisung. Alle warten.

Führen mit Auftrag: Sag das Wozu, nicht das Wie. Ziel und Rahmen klar, den Weg wählt das Team.

Voraussetzungen: Vier Bedingungen. Absicht, Infos, Vertrauen, Fehlertoleranz.

Die Grenze: Ohne Können scheitert sie. Sie braucht kompetente Geführte.

Die Regel: Führe über die Absicht. Und lass den Weg offen.

Weiterlesen: Auftragstaktik im Unternehmen.

T1Leaders. Transfer aus Hochrisiko-Berufen.

Mittwoch, 7:15 Uhr. Sven leitet die Montage eines Betriebs für Photovoltaikanlagen mit vier Kolonnen. Jeden Morgen schickt er jeder Kolonne eine genaue Liste: welches Dach, welche Reihenfolge, welche Module zuerst. Heute regnet es in einem Teil des Gebiets. Bis 9 Uhr rufen alle vier Kolonnenführer an und fragen, was sie jetzt tun sollen. Sven steht derweil selbst auf einem Dach.

Beispiel frei erfunden.

Woher kommt die Auftragstaktik?

Der Begriff stammt aus der militärischen Führungslehre im deutschsprachigen Raum. Heute ist das Prinzip in der Bundeswehr als „Führen mit Auftrag“ verankert. Die Zentrale Dienstvorschrift zur Inneren Führung beschreibt es als Führungsform, die dem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform am besten entspricht. Untergebene sollen den Sinn einer Aufgabe verstehen und aus Einsicht im Sinne des Auftrags handeln.

Im Unternehmen liegt die Auftragstaktik zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht die Führungskraft, die jeden Schritt vorgibt und kontrolliert. Auf der anderen Seite steht die Führungskraft, die Aufgaben ohne Ziel und Rahmen verteilt und dann abwartet. Die Auftragstaktik gibt mehr Freiheit als die erste und mehr Orientierung als die zweite.

MerksatzWer den Sinn kennt, kann auch bei Abweichungen richtig handeln.

Wie funktioniert das Prinzip: Absicht, Rahmen, Freiraum?

Ein Auftrag nach diesem Prinzip beantwortet drei Fragen. Wozu? Das ist die Absicht, der Sinn hinter der Aufgabe. Was muss am Ende erreicht sein, und in welchem Rahmen? Das sind Ziel, Zeit, Mittel und Grenzen. Und wie? Das bleibt offen, solange es im Rahmen bleibt.

Der Unterschied zur Anweisung liegt in der Lage, die sich ändert. Eine Anweisung sagt, was zu tun ist. Wenn etwas Unerwartetes passiert, passt sie nicht mehr, und die Ausführenden müssen nachfragen. Ein Auftrag mit Absicht gibt ihnen das Wissen, um selbst eine passende Lösung zu finden.

Daran hakt es bei Sven. Seine Listen sagen, welches Dach zuerst. Sie sagen nicht, warum. Als es regnet, wissen die Kolonnenführer nicht, ob die Reihenfolge wichtig ist oder nur praktisch. Also rufen sie an.

Ein Bild aus dem Alltag: Ein Fahrgast sagt dem Taxifahrer: „Ich muss um 14 Uhr am Bahnhof sein, der Zug wartet nicht.“ Er bekommt eine andere Fahrt als jemand, der jede Abbiegung vorgibt. Bei einem Stau sucht der Fahrer im ersten Fall selbst einen Umweg.

Wie formulierst du einen Auftrag mit Absicht?

Die Auftragskarte hilft, einen Auftrag vollständig zu formulieren. Sie hat fünf Felder.

Auftragskarte vorher und nachher

FeldFrageSvens Auftrag an Kolonne 2
AbsichtWozu?Familie Berger soll ab Montag Strom erzeugen, weil ihr Förderbescheid sonst verfällt.
ZielWas ist bis wann erreicht?Anlage Berger bis Freitag montiert und abnahmebereit.
RahmenWelche Grenzen gelten?Keine Arbeit auf nassen Dächern. Material liegt im Lager Ost. Budget für Überstunden: acht Stunden.
FreiraumWas entscheidet die Kolonne selbst?Reihenfolge der Dächer, Einsatz bei Regen, Tausch mit anderen Kolonnen nach Absprache.
RückmeldungWann meldet sich die Kolonne?Wenn Freitag gefährdet ist, sofort. Sonst täglich um 16 Uhr kurz per Nachricht.

Beide Fassungen stehen in der Tabelle.

Links weiß die Kolonne, was zu tun ist. Rechts weiß sie auch, warum.

Arbeitsvorlage von T1Leaders.

Am Vorher-Nachher-Beispiel zeigt sich der Unterschied. Vorher stand auf Svens Liste: „Dach Berger, dann Dach Yilmaz, dann Dach Krämer.“ Nachher weiß die Kolonne, dass Berger bis Freitag fertig sein muss und die anderen warten können. Als es am Mittwoch regnet, zieht die Kolonne die Elektroarbeiten im Keller bei Familie Berger vor und montiert die Module am Donnerstag. Niemand ruft an.

Das Feld Rückmeldung verdient besondere Aufmerksamkeit. Auch bei Auftragstaktik bleibt die Führungskraft ansprechbar und verantwortet den Rahmen. Wie du Entscheidungen insgesamt abgibst, erklärt Entscheidungen delegieren. Die Befugnisse dazu legst du mit Entscheidungsbefugnisse klären fest.

Ob ein Auftrag verstanden wurde, lässt sich leicht prüfen. Als Arbeitsregel von T1Leaders bittet Sven die Kolonnenführer, die Absicht in eigenen Worten zu wiederholen: „Was ist bei Berger das Wichtigste?“ Wenn die Antwort „bis Freitag fertig, wegen der Förderung“ lautet, ist der Auftrag angekommen. Wenn sie „erst das Dach, dann der Keller“ lautet, fehlt die Absicht noch.

MerksatzFünf Felder, und die Kolonne kann bei Regen selbst entscheiden.

Grenzen

Wo stößt die Auftragstaktik im Unternehmen an Grenzen?

  • Fehlende Erfahrung: Wer neu ist, braucht zuerst genauere Vorgaben. Der Freiraum wächst mit der Erfahrung.
  • Strenge Vorgaben: Wo Sicherheitsregeln, Normen oder Gesetze genaue Abläufe verlangen, bleibt der Freiraum klein. Auf dem Dach gilt die Absturzsicherung, egal wie die Absicht lautet.
  • Unklare Absicht: Wenn die Führungskraft selbst nicht weiß, wozu etwas geschehen soll, kann sie es auch nicht weitergeben.
  • Kultur der Kontrolle: Wenn Fehler streng bestraft werden, nutzt niemand den Freiraum. Dann bleibt Auftragstaktik eine Formel.
  • Übertragbarkeit: Die Bundeswehr hat Ausbildung, Leitbild und gemeinsame Begriffe, die Unternehmen oft fehlen. Was sich aus solchen Bereichen übertragen lässt, klärt Was nicht übertragbar ist.

Sven führt die Auftragskarte zunächst für eine Kolonne ein, deren Führer viel Erfahrung hat. Nach vier Wochen folgen die anderen drei. Die Zahl der Anrufe am Morgen sinkt deutlich, und Sven ist wieder mehr auf den Baustellen als am Telefon.

Ein verwandtes Vorgehen kennt die Feuerwehr. Ihr Führungsvorgang verbindet Lage, Entschluss und Befehl mit Rückmeldung. Mehr dazu auf der Seite Führungsvorgang der Feuerwehr.

Gegenmittel

So führst du mit Auftrag

  1. Absicht formulieren: Wozu soll das geschehen?
  2. Ziel und Frist nennen: Was ist bis wann erreicht?
  3. Rahmen setzen: Grenzen, Mittel, Regeln, die nicht verhandelbar sind.
  4. Freiraum ausdrücklich benennen: Was entscheiden die Ausführenden selbst?
  5. Rückmeldung vereinbaren: wann regelmäßig, wann sofort.

Situationsfrage

  1. Eine Filialleiterin im Einzelhandel gibt ihrer Stellvertreterin einen Auftrag für den Samstag. Welche Formulierung folgt dem Prinzip der Auftragstaktik?

    1. A„Räum um 10 Uhr die Aktionsware ins Fenster, um 12 Uhr die Kasse 3 öffnen, um 14 Uhr Inventur im Lager.“
    2. B„Am Samstag kommt der Bezirksleiter, und die neue Aktion soll gut sichtbar sein. Bis 11 Uhr muss das Fenster fertig sein. Wie du Personal und Reihenfolge einteilst, entscheidest du. Ruf mich an, wenn das Fenster nicht klappt.“
    3. C„Mach den Samstag einfach so, wie du denkst.“
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Die Formulierung nennt Absicht, Ziel, Frist, Freiraum und Rückmeldung. Antwort A ist eine Anweisung ohne Sinn. Antwort C gibt Freiraum ohne Absicht und Rahmen.

Häufige Fragen

Was ist Auftragstaktik?

Ein Führungsprinzip, bei dem die Führungskraft Absicht, Ziel und Rahmen vorgibt und die Ausführung denjenigen überlässt, die den Auftrag erfüllen.

Was ist der Unterschied zwischen Auftragstaktik und Befehlstaktik?

Bei der Befehlstaktik wird genau vorgegeben, was zu tun ist. Bei der Auftragstaktik wird gesagt, was erreicht werden soll und warum, der Weg bleibt offen.

Funktioniert Auftragstaktik im Unternehmen?

Sie kann funktionieren, wenn Absicht und Rahmen klar sind, die Ausführenden Erfahrung haben und Fehler nicht bestraft werden. Eine Studie, die das für Unternehmen allgemein belegt, wurde für diese Seite nicht geprüft.

Quellen

  1. Bundesministerium der Verteidigung. Zentrale Dienstvorschrift A-2600/1: Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur der Bundeswehr. Bundeswehr

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