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T1Leaders

Unsicherheit und Risiko · Vertiefung

Szenarioanalyse und Szenarioplanung: Optionen über mehrere Zukünfte prüfen

Wie du für eine offene Zukunft mehrere plausible Bilder entwickelst und deine Optionen so prüfst, dass sie in mehr als einer Zukunft tragen.

Stand · David Rudolph · rund 16 Minuten Lesezeit

In 43 Sekunden erklärt

Szenariotechnik: Ein Plan, eine Zukunft. Und wenn nicht?
Was im Video gesagt wird

Ein Plan. Eine Zukunft. Und wenn nicht?

Szenariotechnik: Mehrere Zukünfte durchdenken. Szenarien sind keine Prognosen.

Schritt 1 / 3: Zwei große Unsicherheiten. Aus allen Treibern: unsicher und wirkungsstark.

Schritt 2 / 3: Vier Welten aufspannen. Jede Ecke ein Szenario.

Schritt 3 / 3: Strategie gegen alle vier testen. Dazu Frühwarnzeichen festlegen.

Die Regel: Wähl, was in vielen Welten trägt. Bekannt von Shell seit den 1970ern.

Weiterlesen: Szenariotechnik: Planen für mehrere Zukünfte.

T1Leaders. Wissen für Entscheidungen mit Folgen.

Sabine führt ein Reisebusunternehmen in Niedersachsen mit 22 Bussen. In den nächsten drei Jahren muss sie acht Fahrzeuge ersetzen. Ein neuer Dieselbus ist deutlich günstiger als ein Elektrobus, aber niemand weiß, wie sich Kraftstoffpreise, Förderung und Vorgaben für Innenstädte entwickeln. Dazu kommt die Frage, ob Gruppenreisen weiter gefragt sind. Ihr Prokurist will eine Prognose kaufen. Sabine bezweifelt, dass eine einzige Zahl ihr hilft.

Beispiel frei erfunden.

Wie funktioniert die Szenarioanalyse?

Die Szenarioanalyse tauscht die Frage „Was wird passieren?“ gegen die Frage „Welche Option trägt, egal was passiert?“. Damit verschiebt sich die Arbeit von der Vorhersage zur Belastungsprobe.

Die übliche Entscheidungsvorlage rechnet mit einem Basisfall, dazu ein optimistischer und ein pessimistischer Wert an einer Stellschraube. Planst du so, setzt du stillschweigend darauf, dass die Zukunft deiner Prognose ähnelt.

Der Kern ist ein Kreuztest. Jede Option wird in jedem Szenario durchgespielt, so als wäre genau diese Zukunft eingetreten. Das britische Regierungsbüro für Wissenschaft nennt diesen Schritt „Wind Tunnelling“, also Test im Windkanal. Dort wird jede Option je Szenario als robust, anpassungsbedürftig oder überflüssig eingestuft.

Jede Option muss alle vier Zukünfte aushalten, bevor sie fest wird

  1. Szenariokreuz

    Zwei unabhängige Unsicherheiten A und B, jeweils von gering bis stark, spannen vier Szenarien S1 bis S4 auf.

  2. Kreuztest

    Jede Option wird in jedem Szenario als robust (R), anpassungsbedürftig (A) oder überflüssig (Ü) eingestuft.

    • Robust: R in S1, S2, S3 und S4
    • Wette: Ü in S1, A in S2, R in S3, Ü in S4
    • Schwach: A in S1, Ü in S2, S3 und S4
  3. Zeitachse

    Ergänzung von T1Leaders zum klassischen Ablauf.

    • Heute fest: robuste Teile bauen
    • Auslöser beobachten: Welches Szenario kommt?
    • Später entscheiden: Wette einlösen oder lassen
Drei Arbeitsschritte. Die Werte im Kreuztest sind schematisch, die Zeitachse ist eine Ergänzung von T1Leaders.
Daten als Tabelle
OptionS1S2S3S4
RobustRRRR
WetteÜARÜ
SchwachAÜÜÜ

Daraus ergeben sich drei Typen von Optionen. Robuste Optionen sind in allen oder den meisten Szenarien nützlich und in keinem eine Fehlinvestition. Wetten glänzen in einem Szenario und scheitern in einem anderen. Optionen mit Verfallsdatum wirken kurzfristig gut, verlieren aber über die Zeit an Wert. Schwache Optionen sind in fast allen Szenarien überflüssig und scheiden aus.

Die Definition robuster Optionen folgt Phadnis und Kollegen. Wette, Verfallsdatum und Zeitachse sind eine Ergänzung von T1Leaders. Die Zeitachse trennt, was heute entschieden werden muss, von dem, was bis zu einem sichtbaren Szenario warten kann. Eine Wette wird so oft zur gestuften Entscheidung mit klaren Auslösern.

Welche Horizonte sinnvoll sind, hängt an der Bindungsdauer der Option. Ein Shell-Szenarienbuch deckte laut Jefferson die Jahre 1978 bis 1983 ab, die Shell-Szenarien von 2001 reichten bis 2050. Für Managemententscheidungen schlägt T1Leaders eine Dreiteilung vor: kurz bis zur nächsten Budgetrunde, mittel bis zum Ende der Amortisation, lang bis zum Ende der Nutzungsdauer. Eine Option kann auf einem Horizont robust und auf einem anderen eine Wette sein. Die Wahl selbst bleibt eine Urteilsfrage der Führung.

MerksatzEin Szenario beschreibt eine mögliche Welt. Die Analyse fragt, ob deine Entscheidung darin trägt.

Woher kommt die Szenarioanalyse?

Die Szenarioanalyse kommt aus der Militärstrategie und wurde bei Shell zur Unternehmensmethode. Pierre Wack beschrieb die Arbeit der Planungsabteilung dort 1985 in zwei Beiträgen für die Harvard Business Review. Sein Gedanke: Einfache Vorhersagen versagen gerade dann, wenn sich die Lage grundlegend ändert.

JahrWasBedeutung
Späte 1940er bis 1961Herman Kahn arbeitet bei der RAND Corporation an militärstrategischen StudienGilt als Begründer der Szenariomethode
1961Kahn gründet das Hudson InstituteSzenarien werden auf Gesellschaft und Politik übertragen
1967Kahn und Anthony J. Wiener veröffentlichen The Year 2000Langfristige Zukunftsbilder als Planungsgrundlage
1968Bei Royal Dutch Shell entsteht unter Jimmy Davidson eine SzenariogruppeSzenarien kommen in die Konzernplanung
1971Pierre Wack wechselt von Shell Française in die KonzernplanungSzenarien werden zum Werkzeug für das Management
1973Shell-Szenarien behandeln stark steigende Ölpreise, kurz darauf folgt die ÖlkriseGrundlage des Shell-Mythos, in der Bewertung umstritten
1985Wack veröffentlicht in der Harvard Business Review „Scenarios: Uncharted Waters Ahead“ und „Shooting the Rapids“Methode wird außerhalb von Shell bekannt

Was zeigt die Forschung zur Wirkung?

Die Wirkung auf bessere Entscheidungen ist plausibel belegt, aber nicht bewiesen. Zwei Studien messen Effekte auf Urteile, eine Literaturübersicht dämpft die Erwartungen.

Eine Literaturübersicht von Wright, Bradfield und Cairns (2013) kommt zu einem unbequemen Schluss. Die verbreitete Szenariomethode verbessert vor allem das Verständnis. Bessere Entscheidungen unterstützt sie kaum direkt, der Begriff „Szenarioplanung“ sei daher irreführend. Als Ausnahme nennen die Autoren Szenarien mit einer Bewertung nach mehreren Kriterien. Der Optionen-Kreuztest auf dieser Seite geht in diese Richtung. Ob er die Lücke schließt, ist nicht untersucht.

Wie baust du Szenarien Schritt für Schritt?

Sabine setzt sich mit ihrem Prokuristen und dem Werkstattleiter zusammen. Die Frage lautet: Welche Antriebe sollen die acht neuen Busse haben? Der Horizont: zehn Jahre, die Nutzungsdauer eines Busses. Als feste Entwicklung sehen alle drei, dass Vorgaben für Abgase eher strenger werden. Offen sind vor allem zwei Treiber: die Kosten für Strom im Vergleich zu Diesel und die Nachfrage nach Gruppenreisen.

Aus zwei Treibern mit je zwei Ausprägungen entstehen vier Szenarien. Das Team benennt sie nach ihren Ausprägungen. Wertende Namen wie „Goldene Zukunft“ würden die Bewertung vorwegnehmen.

Nachfrage stabilNachfrage sinkt
Strom günstiger als Diesel„Strom vorn, Nachfrage stabil“„Strom vorn, Nachfrage sinkt“
Diesel günstiger als Strom„Diesel vorn, Nachfrage stabil“„Diesel vorn, Nachfrage sinkt“

Szenario-Raster des Beispiels, frei erfunden.

MerksatzZwei offene Treiber, vier Szenarien. Mehr wird schnell unübersichtlich.

Wie prüfst du Optionen gegen die Szenarien?

Du schreibst jede Option in eine Zeile und jedes Szenario in eine Spalte. Dann bewertest du, wie gut die Option in jedem Szenario abschneidet. Gesucht ist eine Option, die in keinem Szenario scheitert.

Vor der neuen Information: Option C scheitert nirgends

Strom vorn, Nachfrage stabil

Strom vorn, Nachfrage sinkt

Diesel vorn, Nachfrage stabil

Diesel vorn, Nachfrage sinkt

Szenario 1Szenario 2Szenario 3Szenario 4

A: acht Dieselbusse

mittelschlechtsehr gutgut

B: acht Elektrobusse

sehr gutmittelschlechtschlecht

C: vier und vier, dazu Ladepunkt auf dem Hof

gutmittelgutmittel
Diesel und Elektro glänzen je in einem Szenario. Der Mix trägt in allen vier.
Daten als Tabelle
OptionStrom vorn, Nachfrage stabilStrom vorn, Nachfrage sinktDiesel vorn, Nachfrage stabilDiesel vorn, Nachfrage sinkt
A: acht Dieselbussemittelschlechtsehr gutgut
B: acht Elektrobussesehr gutmittelschlechtschlecht
C: vier und vier, dazu Ladepunkt auf dem Hofgutmittelgutmittel

Option C scheitert in keinem Szenario. Die Optionen A und B sind in je einem Szenario stark und in anderen schwach. Sabine neigt zu C.

Dann kommt eine neue Information. Die Stadt, in der Sabine die meisten Schulfahrten fährt, kündigt an, ab 2030 nur noch emissionsfreie Busse in die Innenstadt zu lassen. Diese Vorgabe gilt in allen vier Szenarien.

Nach der neuen Information: Option B rückt nach vorn

Strom vorn, Nachfrage stabil

Strom vorn, Nachfrage sinkt

Diesel vorn, Nachfrage stabil

Diesel vorn, Nachfrage sinkt

Szenario 1Szenario 2Szenario 3Szenario 4

A: acht Dieselbusse

schlechtschlechtmittelschlecht

B: acht Elektrobusse

sehr gutgutmittelmittel

C: vier und vier, dazu Ladepunkt auf dem Hof

gutmittelgutmittel
Eine Vorgabe, die in allen Szenarien gilt, verschiebt die tragfähigste Option.
Daten als Tabelle
OptionStrom vorn, Nachfrage stabilStrom vorn, Nachfrage sinktDiesel vorn, Nachfrage stabilDiesel vorn, Nachfrage sinkt
A: acht Dieselbusseschlechtschlechtmittelschlecht
B: acht Elektrobussesehr gutgutmittelmittel
C: vier und vier, dazu Ladepunkt auf dem Hofgutmittelgutmittel

Bewertungen frei gewählt zur Veranschaulichung.

Jetzt hat auch Option B kein Schlecht mehr und schneidet in zwei Szenarien besser ab als C. Sabine entscheidet sich für B. Die Zuschüsse wartet sie nicht ab: Die Vorgabe der Stadt hat die Lage stärker verändert als jede Förderung.

Wie solche langfristigen Entscheidungen in Unternehmen ablaufen, zeigt Strategische Entscheidungen. Wenn sich Wahrscheinlichkeiten doch schätzen lassen, kannst du die Szenarien mit einem Entscheidungsbaum weiterrechnen. Zwei ausführliche Beispiele zeigen die Fälle Markteintritt bei unklarer Nachfrage und Lieferantenausfall.

MerksatzGesucht ist die Option, die in keinem Szenario scheitert. Neue Information kann diese Option verschieben.

Gegenmittel

So führst du eine Szenarioanalyse im Team durch

Ein belastbarer Szenario-Vergleich braucht zwei Workshops: einen halben Tag für die Szenarien und rund zwei Stunden für den Optionen-Test. Die Zeiten folgen dem Futures Toolkit der britischen Regierung. Es nennt 4 bis 5 Stunden für den Szenarienbau und 1,5 bis 2 Stunden für den Test. Die Wertschätzung je Zelle in Schritt 6 und die Zeitachse in Schritt 8 sind eine Ergänzung von T1Leaders.

Vorbereitung: Lade 8 bis 12 Personen ein, so die Mindestgröße laut Toolkit. Hol Fachleute aus Markt, Technik, Finanzen und Regulierung dazu, mindestens eine Person von außen. Schick Entscheidungsfrage und Optionen vorher schriftlich an alle.

Zwei Drittel der Zeit fließen in den Bau der Szenarien

  1. Frage und Zeithorizont festlegen

    Formuliere eine konkrete Entscheidung, etwa „Wie baut das Stadtwerk seine Wärmeversorgung bis 2040 um?“. Das Toolkit empfiehlt meist 10 bis 20 Jahre Abstand.

    Zeit: 30 Minuten, Workshop 1

  2. Treiber sammeln und sortieren

    Ordne alle Einflüsse nach Wirkung und Unsicherheit. Ziel sind mindestens zehn kritische Unsicherheiten, die stark wirken und höchst unsicher sind.

    Zeit: 60 Minuten, Workshop 1

  3. Zwei Achsen wählen

    Bündle die Unsicherheiten zu zwei voneinander unabhängigen Achsen. Jede Achse hat zwei gegensätzliche Enden, keines davon ist automatisch gut oder schlecht.

    Zeit: 45 Minuten, Workshop 1

  4. Vier Szenarien ausarbeiten

    Kleingruppen beschreiben die Welt im Zieljahr je Quadrant und rotieren, bis jede alle vier bearbeitet hat.

    Zeit: 90 Minuten, Workshop 1

  5. Szenarien neutral benennen

    Wähle Namen, die beschreiben, ohne zu bewerten.

    Zeit: 15 Minuten, Workshop 1

  6. Optionen im Windkanal testen

    Gib jeder Gruppe ein Szenario. Sie stuft darin jede Option als robust, anpassungsbedürftig oder überflüssig ein. Wo Zahlen möglich sind, schätzt die Gruppe zusätzlich einen Wert je Zelle.

    Zeit: 60 Minuten, Workshop 2

  7. Matrix auswerten

    Führe alles in einer Tabelle Option mal Szenario zusammen und färbe sie nach Ampel. Robuste Optionen, Wetten und Verlierer werden sichtbar.

    Zeit: 30 Minuten, Workshop 2

  8. Auf die Zeitachse legen

    Trenne, was heute fest entschieden werden muss, von dem, was auf ein klares Signal warten kann. Lege für jede vertagte Festlegung einen Auslöser fest.

    Zeit: 30 Minuten, Workshop 2, Ergänzung von T1Leaders

Acht Schritte in zwei Workshops, zusammen 360 Minuten. Schritt 8 ist eine Ergänzung von T1Leaders zum Futures Toolkit.
Daten als Tabelle
SchrittWas du tustMinutenWorkshop
1. Frage und Zeithorizont festlegenFormuliere eine konkrete Entscheidung, etwa „Wie baut das Stadtwerk seine Wärmeversorgung bis 2040 um?“. Das Toolkit empfiehlt meist 10 bis 20 Jahre Abstand.30Workshop 1
2. Treiber sammeln und sortierenOrdne alle Einflüsse nach Wirkung und Unsicherheit. Ziel sind mindestens zehn kritische Unsicherheiten, die stark wirken und höchst unsicher sind.60Workshop 1
3. Zwei Achsen wählenBündle die Unsicherheiten zu zwei voneinander unabhängigen Achsen. Jede Achse hat zwei gegensätzliche Enden, keines davon ist automatisch gut oder schlecht.45Workshop 1
4. Vier Szenarien ausarbeitenKleingruppen beschreiben die Welt im Zieljahr je Quadrant und rotieren, bis jede alle vier bearbeitet hat.90Workshop 1
5. Szenarien neutral benennenWähle Namen, die beschreiben, ohne zu bewerten.15Workshop 1
6. Optionen im Windkanal testenGib jeder Gruppe ein Szenario. Sie stuft darin jede Option als robust, anpassungsbedürftig oder überflüssig ein. Wo Zahlen möglich sind, schätzt die Gruppe zusätzlich einen Wert je Zelle.60Workshop 2
7. Matrix auswertenFühre alles in einer Tabelle Option mal Szenario zusammen und färbe sie nach Ampel. Robuste Optionen, Wetten und Verlierer werden sichtbar.30Workshop 2
8. Auf die Zeitachse legenTrenne, was heute fest entschieden werden muss, von dem, was auf ein klares Signal warten kann. Lege für jede vertagte Festlegung einen Auslöser fest.30Workshop 2, Ergänzung von T1Leaders

Workshop 1 dauert 240 Minuten, Workshop 2 dauert 120 Minuten. Die fertigen Szenarien lassen sich für weitere Entscheidungen wiederverwenden, dann reicht Workshop 2.

Moderationsregel: Achte darauf, dass jede Gruppe im Test in der Logik ihres Szenarios bleibt. Das Toolkit verbietet ausdrücklich, ein Szenario umzubiegen, damit eine Lieblingsoption besteht.

Praxisbeispiel: Stadtwerke vor der Wärmewende

Der Szenario-Vergleich hat die Lieblingsoption der Geschäftsführung als Wette entlarvt und eine gestufte Strategie mit zwei Auslösern hervorgebracht. Rahmendaten wie Fristen und Regulierung entsprechen dem Stand 2025 bis 2026.

Beispiel frei erfunden, Zahlen zur Veranschaulichung.

Ausgangslage. Ein Stadtwerk in einer Stadt mit rund 90.000 Einwohnern trägt die kommunale Wärmeplanung mit. Für Gemeinden mit bis zu 100.000 Einwohnern läuft die Frist laut Wärmeplanungsgesetz bis zum 30. Juni 2028. Bis 2045 soll Deutschland nahezu klimaneutral sein. Das Gasnetz verliert laut Branchenanalyse in nennenswertem Umfang Kunden und Mengen.

Drei Optionen liegen auf dem Tisch. A: großer Fernwärmeausbau mit Flusswasser-Wärmepumpe, Zusage für das ganze Stadtgebiet. B: Gasnetz weiterbetreiben und schrittweise für Wasserstoff umrüsten. C: Wärmenetz im dichten Kerngebiet, Gasnetz in Randgebieten weiterbetreiben, Ausbau in Stufen.

Teilnehmende. Zehn Personen aus Geschäftsführung, Netzen, Erzeugung, Vertrieb, kaufmännischer Leitung und Stadtplanungsamt, dazu ein externer Energieökonom. Zwei Workshops im Abstand von einer Woche.

Szenariokreuz. Nach der Treibersammlung bleiben zwei Achsen. Achse 1: Wasserstoff für Wärme ist bis 2040 knapp oder breit verfügbar. Achse 2: Die Bereitschaft der Gebäudeeigentümer, sich an ein Wärmenetz anzuschließen, ist hoch oder gering.

Daraus entstehen vier Szenarien, in Klammern Achse 1 und Achse 2: S1 Gas bleibt (Wasserstoff verfügbar, Anschluss gering), S2 Zwei Netze (verfügbar, hoch), S3 Netzstadt (knapp, hoch) und S4 Jeder für sich (knapp, gering). In S4 heizen die meisten Haushalte mit eigenen Wärmepumpen.

Bewertung. Jede Gruppe schätzt den Kapitalwert jeder Option bis 2045 in ihrem Szenario, in Millionen Euro. Die kaufmännische Leitung berechnet drei Kennzahlen: Mittelwert bei gleicher Gewichtung, schlechtester Fall und maximales Bedauern. Bedauern heißt hier: Abstand zur besten Option im jeweiligen Szenario.

OptionS1 Gas bleibtS2 Zwei NetzeS3 NetzstadtS4 Jeder für sichMittelwertSchlechtester FallMax. BedauernTyp
A Fernwärme komplett−35+25+90−5+18,75−3575Wette
B Gasnetz mit Wasserstoff+40+5−55−40−12,5−55145Wette mit Verfallsdatum
C Kernnetz, Ausbau in Stufen+5+15+35+10+16,25+555Robust

Werte: geschätzter Kapitalwert bis 2045 in Millionen Euro. Bedauern je Szenario = bester Wert im Szenario minus Wert der Option.

Der überraschende Moment. Option A hatte den höchsten Mittelwert und war der Favorit des Geschäftsführers. Die Matrix zeigte aber zwei Szenarien mit Verlust, eines mit −35 Millionen. Option C war niemandes Favorit und blieb als einzige überall positiv.

Dazu kam ein Fund aus der S4-Gruppe. Die Flusswasser-Wärmepumpe am Kraftwerksstandort war in allen vier Szenarien nützlich, auch dort, wo das große Netz scheiterte. Ein Baustein der Wette war also robust und wanderte in Option C.

Zeitachse und Ergebnis. Das Stadtwerk entscheidet sich für C und legt die Schritte zeitlich fest:

  • Bis 2028 fest: Kernnetz und Wärmepumpe bauen, Gasnetz im Kerngebiet zur Stilllegung planen.
  • Auslöser 1, Prüfung 2030: Schließen sich im Kerngebiet mehr als 60 Prozent der Gebäude an, beginnt der Ausbau in Richtung A.
  • Auslöser 2, laufend: Gibt es eine verbindliche Zusage für eine Wasserstoffleitung in die Region, wird ein Teil des Randnetzes umgewidmet. Bis dahin bleibt B eine Restoption ohne zusätzliches Kapital.

Was die Methode hier nicht geleistet hat: Sie hat nicht gesagt, welches Szenario eintritt. Die Kapitalwerte sind Schätzungen der Gruppen, ein geprüftes Wirtschaftlichkeitsmodell lag ihnen nicht zugrunde. Mit anderen Achsen, etwa Strompreis und Regulierung, sähe die Matrix anders aus.

Typische Fehler

Welche Fehler passieren bei der Szenarioanalyse?

Die Fehler 1 bis 4 stammen aus den genannten Quellen. Die Fehler 5 bis 7 ergeben sich aus der Logik der Methode.

  1. Das wahrscheinlichste Szenario herauspicken. McKinsey-Autoren warnen davor, nur auf die für wahrscheinlich gehaltenen Szenarien zu planen (Erdmann, Sichel, Yeung 2015). Damit ist der Vergleich wieder eine Prognose.
  2. Das Szenario passend machen. Eine Gruppe biegt ihr Szenario so lange um, bis die eigene Lieblingsoption besteht. Das Futures Toolkit untersagt das ausdrücklich.
  3. Wertende Namen. „Goldene Zukunft“ und „Absturz“ lenken die Bewertung, bevor sie beginnt. Das Toolkit verlangt neutrale Namen.
  4. Das 2x2 für einfach halten. Ramirez und Wilkinson zeigen, dass die Methode schlicht wirkt, aber viele bewusste Entscheidungen verlangt (2014).
  5. Abhängige Achsen. Hängen beide Achsen zusammen, etwa Gaspreis und Wasserstoffpreis, fallen zwei Quadranten in sich zusammen. Übrig bleiben zwei Szenarien in vier Kästchen.
  6. Szenarien ohne Entscheidung. Vier gut erzählte Zukunftsbilder, aber keine Option wird getestet. Genau das ist die Lücke, die Wright und Kollegen beschreiben.
  7. Mittelwert als Urteil. Mittelst du die vier Zellen einfach, unterstellst du gleiche Wahrscheinlichkeiten und belohnst Wetten. Im Praxisbeispiel hätte das zur Option mit 35 Millionen Verlustrisiko geführt.

Grenzen

Wo stößt die Szenarioanalyse an Grenzen?

  • Das Undenkbare fehlt: Szenarien entstehen aus dem, was das Team sich vorstellen kann. Ereignisse außerhalb dieser Vorstellung bleiben unsichtbar. Mehr dazu auf der Seite Schwarze Schwäne.
  • Bewertungen sind Schätzungen: Plus- und Minuszeichen oder Werte je Zelle sind Gruppenschätzungen mit großer Spannbreite. Schreib dazu, worauf sie beruhen.
  • Aufwand und Pflege: Ein bis zwei Workshoptage plus Vorbereitung. Szenarien veralten und müssen gepflegt werden.

Wann passt die Szenarioanalyse und wann nicht?

Die Szenarioanalyse passt zu teuren, schwer umkehrbaren Entscheidungen mit einem Horizont von mehreren Jahren und echten Unsicherheiten im Umfeld. Ist das Umfeld stabil oder die Zeit knapp, ist sie zu aufwendig.

SituationEignungBegründung
Infrastruktur, Netze, Kraftwerke mit 10 bis 30 Jahren LaufzeitSehr gutHohe Bindung, Umfeld ändert sich während der Laufzeit
Standortwahl, Markteintritt, große AkquisitionSehr gutMehrere Umfeldfaktoren unsicher, Optionen vergleichbar
Strategieklausur mit mehrjährigem HorizontGutSzenarien lassen sich für mehrere Entscheidungen nutzen
Portfolio- oder Produktentscheidung mit 3 bis 5 JahrenGut, verkürztVorhandene Szenarien nutzen, nur den Optionen-Test durchführen
Entscheidung mit einer einzigen dominanten UnsicherheitSchwachEine Sensitivitätsanalyse oder ein Entscheidungsbaum reicht
Akute Krise mit Stunden VorlaufUngeeignetKein Raum für Szenarienbau, hier helfen OODA und eingeübte Abläufe
Entscheidung politisch bereits gefallenUngeeignetDer Test wird zur Rechtfertigung, Szenarien werden passend gemacht

Faustregel: Je länger eine Option Kapital bindet, desto mehr Zukunft muss sie aushalten. Für akute Lagen mit Minuten oder Stunden Vorlauf ist der OODA Loop das passendere Werkzeug.

Wie unterscheidet sich die Szenarioanalyse von verwandten Methoden?

Die Szenarioanalyse testet Optionen gegen mehrere Umfelder. Verwandte Methoden suchen Ursachen des Scheiterns, gewichten Kriterien oder rechnen mit Wahrscheinlichkeiten.

MethodeLeitfrageUnterschied zur Szenarioanalyse
Pre-MortemWarum ist der Plan gescheitert?Betrachtet eine Zukunft, das Scheitern, und sucht Ursachen im eigenen Plan
Gewichtete EntscheidungsmatrixWelche Option erfüllt die Kriterien am besten?Bewertet Optionen in einer angenommenen Zukunft, Szenarien fehlen
EntscheidungsbaumWas ist der erwartete Wert jeder Option?Rechnet mit Wahrscheinlichkeiten, die Szenarioanalyse vermeidet sie bewusst
Second-Order ThinkingWas folgt aus den Folgen?Denkt Ketten einer Option weiter, ohne parallele Umfelder
AbbruchkriterienWann wird abgebrochen?Macht die Auslöser aus Schritt 8 verbindlich
Reversible EntscheidungenLässt sich die Entscheidung zurücknehmen?Hilft beim Sortieren auf der Zeitachse: Was ist umkehrbar und kann warten?
Red TeamingWie würde ein Gegner den Plan schlagen?Testet gegen einen aktiven Gegenspieler, Szenarien testen gegen Umfeldentwicklungen

Übung

Mini-Experiment am eigenen Fall

  1. Eine Bäckereikette mit zwölf Filialen überlegt, ob sie in eine eigene Lieferflotte investiert. Offen sind zwei Treiber: ob Lieferungen an Büros zunehmen und ob die Personalkosten für Fahrer stark steigen. Welche Option trägt in den meisten Szenarien?

    1. AZehn eigene Lieferwagen mit fest angestellten Fahrern kaufen.
    2. BMit einem Lieferdienst beginnen und zwei eigene Fahrzeuge testen, mit der Option auf mehr.
    3. CGanz auf Lieferungen verzichten.
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Bei steigender Nachfrage lässt sich ausbauen, bei sinkender Nachfrage oder hohen Personalkosten bleibt der Schaden klein. Antwort A ist nur im Szenario „mehr Nachfrage, moderate Kosten“ stark. Antwort C verschenkt die Chance in den günstigen Szenarien.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Szenarioanalyse und Prognose?

Eine Prognose sagt, was vermutlich eintritt. Eine Szenarioanalyse beschreibt mehrere mögliche Zukünfte, ohne eine davon vorherzusagen, und prüft, welche Entscheidung in mehreren davon trägt.

Wie viele Szenarien sollte man entwickeln?

Das Futures Toolkit der britischen Regierung arbeitet mit zwei Achsen und damit vier Szenarien. Das bleibt gut überschaubar. Wer sechs oder acht Szenarien baut, prüft die Optionen meist nicht mehr gründlich.

Was ist das Szenario-Trichter-Modell?

Ein Bild, in dem sich die möglichen Zukünfte mit wachsendem Zeitabstand weiter öffnen, wie ein Trichter. Je weiter du in die Zukunft blickst, desto breiter wird die Spanne.

Quellen

  1. Wack, P. (1985): Scenarios: Uncharted Waters Ahead. Harvard Business Review, September bis Oktober 1985.
  2. Wack, P. (1985): Scenarios: Shooting the Rapids. Harvard Business Review, November bis Dezember 1985. Zitiert nach Journal of Management Development (2001).
  3. Hudson Institute: Herman Kahn. RAND, Gründung des Hudson Institute 1961, The Year 2000 (1967).
  4. Jefferson, M. (2022): A History of Energy and Societal Scenarios for a World in Transition. Energy Research & Social Science 90. Zu Shell, Davidson, Wack, Newland und den Szenarien von 1973.
  5. Burt, G., Wright, G. (2006): Pre-determined elements in the business environment: Reflecting on the legacy of Pierre Wack. Futures 38(7).
  6. Wikipedia: Scenario planning. Zum Beginn von Wacks Arbeit bei Shell 1971.
  7. Meissner, P., Wulf, T. (2013): Cognitive benefits of scenario planning: Its impact on biases and decision quality. Technological Forecasting and Social Change 80(4), 801 bis 814.
  8. Phadnis, S., Caplice, C., Sheffi, Y., Singh, M. (2014): Effect of Scenario Planning on Field Experts’ Judgment of Long-Range Investment Decisions. Strategic Management Journal 36(9), 1401 bis 1411 (Heftausgabe 2015, online vorab Juni 2014).
  9. Wright, G., Bradfield, R., Cairns, G. (2013): Does the intuitive logics method and its recent enhancements produce „effective“ scenarios? Technological Forecasting and Social Change 80(4), 631 bis 642.
  10. Ramirez, R., Wilkinson, A. (2014): Rethinking the 2×2 scenario method: Grid or frames? Technological Forecasting and Social Change 86, 254 bis 264.
  11. Government Office for Science (2024): The Futures Toolkit, Edition 2. Szenarienbau mit zwei Achsen und Policy Stress-Testing.
  12. Erdmann, D., Sichel, B., Yeung, L. (2015): Overcoming obstacles to effective scenario planning. McKinsey.
  13. Nolde, A., Radtke, O. (2025): Zukunft der Gasnetze. ZfK, 12. September 2025.
  14. Solarserver (2026): Kommunale Wärmeplanung: Großstädte haben geliefert. Zu den Fristen 2026 und 2028.
  15. Wärmeplanungsgesetz (WPG), § 4. Fristen: 30. Juni 2026 für Gemeinden über 100.000 Einwohner, 30. Juni 2028 für Gemeinden bis 100.000 Einwohner.

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