Entscheidungen treffen · Vertiefung
Fehlentscheidungen: Pech, Lücke oder Prozessfehler?
Wie du nach einem schlechten Ergebnis fair prüfst, was tatsächlich schiefgelaufen ist, und was du daraus für die nächste Entscheidung mitnimmst.
In 43 Sekunden erklärt
Was im Video gesagt wird
Es war falsch. Und alle wissen es.
Nach einer Fehlentscheidung: Vier Schritte zurück in die Spur. Ohne Ausreden, ohne Selbstzerfleischung.
Schritt 1 / 4: Früh Verantwortung übernehmen. Sag es zuerst selbst.
Schritt 2 / 4: Qualität vom Ergebnis trennen. Welche Infos lagen damals vor?
Schritt 3 / 4: Höchstens drei Lehren. Klar benannt, klar kommuniziert.
Schritt 4 / 4: Erholung schützen. Grübeln verschlechtert die nächsten Entscheidungen.
Die Regel: Lernen, dann weiter. Mit klarem Kopf.
Weiterlesen: Nach einer Fehlentscheidung: So gehst du vor.
T1Leaders. Wissen für Entscheidungen mit Folgen.
Ein Fruchtsafthersteller mit 60 Beschäftigten hat vor einem Jahr eine Mehrweg-Glasflasche eingeführt. Die Investition in die Abfüllanlage lag bei 900.000 Euro. Der Absatz blieb weit unter Plan. Im Beirat fällt das Wort Fehlentscheidung. Der Geschäftsführer Malte fragt sich: War die Entscheidung falsch, oder ist nur das Ergebnis schlecht?
Beispiel frei erfunden.
Was ist eine Fehlentscheidung?
Eine Fehlentscheidung liegt vor, wenn die Wahl schon damals schlechter begründet war als eine andere. Dafür musst du die Lage zum Zeitpunkt der Entscheidung betrachten, ohne das Wissen von heute. Das fällt schwer, weil das Ergebnis die Erinnerung färbt.
Ein Bild aus dem Alltag: Du nimmst bei klarem Himmel keinen Schirm mit und wirst von einem plötzlichen Schauer erwischt. War das falsch? Nur wenn die Wettervorhersage Regen angekündigt hatte und du sie ignoriert hast.
Jonathan Baron und John Hershey zeigten 1988, wie stark das Ergebnis das Urteil prägt. Studierende bewerteten Entscheidungen anderer, etwa über Operationen. Sie hatten dieselben Informationen wie die Entscheider damals. Trotzdem bewerteten sie dieselbe Entscheidung besser, wenn sie gut ausgegangen war (Baron und Hershey, 1988).
Wie dieser Effekt im Detail wirkt, erklärt Outcome Bias.
MerksatzBeurteile eine Entscheidung mit dem Wissen von damals.
Pech, Informationslücke oder Prozessfehler?
Drei Ursachen lassen sich nach einem schlechten Ergebnis auseinanderhalten. Pech heißt: Ein Ereignis trat ein, das niemand mit vertretbarem Aufwand vorhersehen konnte. Eine Informationslücke heißt: Eine wichtige Information wäre erreichbar gewesen, und niemand hat sie beschafft. Ein Prozessfehler heißt: Das Vorgehen selbst war schwach, etwa weil das Team nur eine Option geprüft oder Einwände übergangen hat.
Prüfraster in vier Fragen
| Frage | Wenn ja | Wenn nein |
|---|---|---|
| 1. Trat ein Ereignis ein, das mit vertretbarem Aufwand nicht vorhersehbar war? | Pech spielt mit. Weiter mit Frage 2, um zu prüfen, ob es allein war. | Weiter mit Frage 2. |
| 2. Gab es eine wichtige Information, die damals erreichbar gewesen wäre? | Informationslücke. Lehre: Welche Frage stellen wir künftig vorher? | Weiter mit Frage 3. |
| 3. Wurden nur eine Option geprüft oder Einwände übergangen? | Prozessfehler. Lehre: Vorgehen ändern, etwa mehr Optionen oder ein Pre-Mortem. | Weiter mit Frage 4. |
| 4. Hätte eine andere Option mit dem Wissen von damals klar besser gewirkt? | Fehlentscheidung im engeren Sinn. Lehre: Wie kam es zur schwächeren Wahl? | Wahrscheinlich eine gute Entscheidung mit schlechtem Ergebnis. |
Beantworte die vier Fragen der Reihe nach und lies die Folgerung in der rechten Spalte.
Arbeitsmodell von T1Leaders. Mehrere Ursachen können zusammenwirken.
Malte geht das Raster mit seinem Vertriebsleiter durch. Frage 1: Ja, ein großer Händler hat kurz nach dem Start sein Mehrwegsortiment gekürzt. Frage 2: Ja, eine Befragung der Händler war geplant, wurde aber aus Zeitgründen gestrichen. Frage 3: Teilweise, eine Variante mit Einwegflaschen wurde nie ernsthaft geprüft. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Pech, Lücke und Prozessfehler. Die Lehre liegt in der gestrichenen Befragung und der fehlenden Alternative.
MerksatzOft wirken Pech und Fehler zusammen. Das Raster zeigt die Anteile.
Wie lernst du aus Fehlentscheidungen, ohne dich zu zerfleischen?
Hilfreich ist, die Ursachen im Vorgehen zu suchen. Ein Satz wie „Ich bin schlecht im Entscheiden“ führt zu keiner Änderung. „Wir haben die Händler nicht gefragt“ führt zu einer neuen Regel.
Ein zweiter Schutz ist die Notiz vor der Entscheidung. Wer damals aufgeschrieben hat, was er erwartet und wie sicher er ist, kann später fair prüfen. Ohne Notiz passt das Gedächtnis die Erwartung an das Ergebnis an. Studien zum Rückschaufehler zeigen, dass Menschen ihre früheren Vorhersagen nachträglich näher am Ergebnis erinnern (Fischhoff und Beyth, 1975). Ein Werkzeug dafür ist das Entscheidungsjournal.
Schließlich: Bereuen und Lernen sind zwei verschiedene Dinge. Wer sich immer wieder vorhält, was er hätte tun sollen, bleibt im Rückblick stecken. Was gegen nagende Reue hilft, zeigt Entscheidungen bereuen.
MerksatzLernen heißt, eine Regel zu ändern. Grübeln heißt, das Ergebnis immer wieder zu erleben.
Wie sprechen Teams über Fehlentscheidungen?
Teams sprechen über Fehlentscheidungen gut in einer festen Form mit klaren Regeln. Verbreitet ist das After Action Review mit vier Fragen: Was war geplant? Was ist passiert? Warum gab es Unterschiede? Was ändern wir? Eine Meta-Analyse zeigt, dass strukturierte Nachbesprechungen die Leistung im Mittel deutlich verbessern (Tannenbaum und Cerasoli, 2013).
Eine Grundregel: Die Runde sucht Ursachen im Ablauf. Wer Schuldige sucht, bringt beim nächsten Mal oft die Menschen zum Schweigen, die etwas hätten sagen können. Wie so eine Runde abläuft, zeigt die Seite After Action Review.
Hilfreich ist es, wenn die Leitung den Anfang macht und einen eigenen Anteil nennt. Bei Malte klingt das so: „Ich habe die Händlerbefragung gestrichen, weil ich den Starttermin halten wollte.“ Danach fällt es dem Vertriebsleiter leichter zu sagen, dass er die Einwegvariante zu früh verworfen hat. Erst diese Offenheit macht aus einer Fehlentscheidung eine Lehre für alle.
MerksatzWer zuerst den eigenen Anteil nennt, öffnet den anderen die Tür.
Gegenmittel
So prüfst du eine Fehlentscheidung fair
- Lage von damals rekonstruieren: Welche Informationen lagen vor, welche Optionen standen zur Wahl, wie viel Zeit war da?
- Das Prüfraster durchgehen: Pech, Informationslücke, Prozessfehler. Mehrere Antworten sind möglich.
- Eine Lehre pro Ursache formulieren, als konkrete Regel für das nächste Mal.
- Das Ergebnis begrenzen: Was lässt sich jetzt noch retten oder umsteuern?
- Die Lehre festhalten, im Journal oder in den Unterlagen des Teams, damit sie beim nächsten Mal da ist.
Malte bringt dem Beirat zwei Regeln mit. Vor jeder Investition über 250.000 Euro werden mindestens zwei Varianten geprüft. Außerdem streicht niemand eine geplante Befragung von Kunden ohne Zustimmung der Geschäftsführung. Die Glasflasche bleibt im Sortiment, mit einem neuen Händler und einer kleineren Abfüllmenge.
Situationsfrage
Eine Restaurantbetreiberin hat im Frühjahr eine Terrasse für 40.000 Euro gebaut. Der Sommer war außergewöhnlich verregnet, die Terrasse blieb meist leer. Sie hatte drei Angebote verglichen, die Nachbarn befragt und mit den Wetterdaten der letzten zehn Jahre gerechnet. War das eine Fehlentscheidung?
- AJa, denn die Terrasse hat sich nicht gelohnt.
- BWahrscheinlich nein. Das Vorgehen war gründlich, und ein so verregneter Sommer war nicht vorhersehbar. Das schlechte Ergebnis ist vor allem Pech.
- CJa, denn sie hätte das Wetter abwarten sollen.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Antwort A bewertet nur das Ergebnis. Antwort C verlangt Wissen, das niemand haben konnte. Das Prüfraster zeigt: keine Informationslücke, kein Prozessfehler, also vor allem Pech.
Häufige Fragen
Was tun, wenn ich eine falsche Entscheidung getroffen habe?
Prüfe zuerst, ob sich die Folgen noch begrenzen lassen. Danach gehst du das Prüfraster durch und formulierst eine Lehre. Hilfreich ist auch, mit Betroffenen offen zu sprechen und zu sagen, was du künftig anders machst.
Wie unterscheide ich Pech von einem eigenen Fehler?
Frage, ob die fehlende Information damals mit vertretbarem Aufwand erreichbar war. Wenn ja, war es eher eine Lücke. Wenn niemand das Ereignis vorhersehen konnte, war es eher Pech.
Wer trägt im Team die Verantwortung für eine Fehlentscheidung?
Die Verantwortung trägt, wer entschieden hat. Für das Lernen hilft die Frage, welcher Schritt im Vorgehen gefehlt hat und wer ihn künftig sicherstellt.
Kann eine gute Entscheidung schlecht ausgehen?
Ja. Wer unter Unsicherheit entscheidet, kann trotz gutem Vorgehen ein schlechtes Ergebnis bekommen. Mehr dazu auf der Seite Gute Entscheidung oder gutes Ergebnis?.
Quellen
- Baron, J. und Hershey, J. C. (1988). Outcome bias in decision evaluation. Journal of Personality and Social Psychology, 54(4), 569-579. PDF Universität Florida
- Fischhoff, B. und Beyth, R. (1975). „I knew it would happen“: Remembered probabilities of once-future things. Organizational Behavior and Human Performance, 13, 1-16. DTIC
- Tannenbaum, S. I. und Cerasoli, C. P. (2013). Do team and individual debriefs enhance performance? A meta-analysis. Human Factors, 55(1), 231-245. CEBMA
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