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Resilienz · Vertiefung

Resilienzfaktoren: was die Forschung weiß

Welche Umstände und Fähigkeiten Menschen helfen, schwere Zeiten gesund zu überstehen, woher dieses Wissen stammt und wie es sich vom Säulenmodell unterscheidet.

Stand · David Rudolph, KI-gestützte Erstellung · rund 6 Minuten Lesezeit

Sandra ist Ausbildungsleiterin in einem Elektrohandwerksbetrieb mit 14 Auszubildenden. Zwei von ihnen haben schwere Zeiten hinter sich: Der eine hat seinen Vater verloren, die andere ist aus einer schwierigen Familie ausgezogen. Beide schlagen sich erstaunlich gut. Sandra fragt sich, was ihnen hilft. Und ob sie als Ausbilderin etwas beitragen kann.

Beispiel frei erfunden.

Wie begann die Resilienzforschung?

Die Resilienzforschung begann mit einer überraschenden Beobachtung: Viele Kinder, die unter schweren Bedingungen aufwuchsen, entwickelten sich gut. Bekannt wurde vor allem die Langzeitstudie der Psychologin Emmy Werner auf der Hawaii-Insel Kauai.

Werner begleitete alle 698 Kinder, die 1955 auf Kauai geboren wurden, über Jahrzehnte. Etwa ein Drittel wuchs mit mehreren Risiken auf, etwa Armut, Konflikten in der Familie oder Krankheit der Eltern. Zwei Drittel dieser Kinder hatten bis 18 deutliche Schwierigkeiten. Ein Drittel wurde trotzdem zu zuversichtlichen, tüchtigen jungen Erwachsenen.

Für Sandra ist ein Befund besonders interessant: Viele der geschützten Kinder hatten eine verlässliche Bezugsperson außerhalb der Familie, etwa eine Lehrerin oder einen Mentor. Eine Ausbilderin kann so eine Person sein.

MerksatzResilienz wächst selten allein. Oft steht ein Mensch daneben, der Halt gibt.

Welche Schutzfaktoren sind gut belegt?

Gut belegt sind Faktoren aus drei Bereichen: Beziehungen, eigene Fähigkeiten und die Deutung der eigenen Lage. Die American Psychological Association (APA) nennt in ihrer Beschreibung ähnliche Bereiche: wie Menschen die Welt sehen, welche sozialen Ressourcen sie haben und welche Bewältigungsstrategien sie nutzen.

Schutzfaktoren in drei Bereichen

BereichSchutzfaktorBeispiel im Arbeitsleben
Beziehungenverlässliche Bezugspersoneneine Kollegin, mit der man offen sprechen kann
BeziehungenUnterstützung annehmenHilfe anfragen, wenn die Last zu groß wird
FähigkeitenProbleme anpackenAufgaben in kleine Schritte zerlegen
FähigkeitenGefühle regulierennach einem Konflikt zur Ruhe kommen, bevor man antwortet
Deutung der LageVertrauen in die eigene Wirksamkeiterleben, dass eigenes Handeln etwas verändert
Deutung der Lagerealistische Zuversichterwarten, dass eine schwere Phase vorbeigeht, ohne sie kleinzureden

Lies die Tabelle und überleg, in welchem Bereich du gerade am meisten Halt hast.

Drei Bereiche, die sich gegenseitig stützen.

Zusammenstellung von T1Leaders nach Werner (1993) und der Beschreibung der APA. Keine vollständige Liste.

Die äußeren Faktoren verdienen einen eigenen Blick. In der Kauai-Studie lagen viele Schutzfaktoren in der Umgebung. Für Erwachsene im Beruf heißt das: Unterstützung im Team, faire Arbeitsbedingungen und Erholungszeiten gehören ebenso zur Resilienz wie die eigene Haltung.

Wie die eigene Wirksamkeit wächst, erklärt Selbstwirksamkeit. Um den Umgang mit Gefühlen geht es unter Emotionale Resilienz.

MerksatzSchutzfaktoren liegen in dir und um dich herum. Beides lässt sich stärken.

Wie unterscheiden sich die Modelle der Resilienzforschung?

Die Forschung hat ihren Blick über die Jahrzehnte verschoben. Frühe Arbeiten suchten nach Eigenschaften, die resiliente Menschen auszeichnen. Daraus entstand das verbreitete Bild einer Charaktereigenschaft, die man hat oder nicht hat.

Neuere Ansätze setzen einen anderen Schwerpunkt. Die Forschungsgruppe um Raffael Kalisch schlug 2017 vor, Resilienz als Ergebnis zu betrachten: Ein Mensch bleibt trotz Belastung psychisch gesund oder findet rasch zurück. Die Frage lautet dann, welche Mechanismen zu diesem Ergebnis führen. Auch die APA beschreibt Resilienz als Prozess und Ergebnis erfolgreicher Anpassung.

Für die Praxis hat dieser Wechsel eine klare Folge. Wer Resilienz als feste Eigenschaft sieht, sortiert Menschen in stark und schwach. Wer sie als Ergebnis sieht, fragt nach Bedingungen, die sich verändern lassen. Für Sandra ist das die nützlichere Frage: Was kann der Betrieb tun, damit Auszubildende gut durch schwere Phasen kommen?

SichtweiseKernfrageFolge für die Praxis
Resilienz als EigenschaftWer ist widerstandsfähig?Gefahr, Menschen in stark und schwach einzuteilen
Resilienz als ErgebnisWas hilft, gesund zu bleiben?Blick auf veränderbare Faktoren und Bedingungen
Praxismodelle wie die 7 SäulenWelche Haltungen helfen im Alltag?gute Gesprächsgrundlage, als Ganzes nicht geprüft

MerksatzFrag, was gerade Halt geben würde.

Wie verhalten sich Resilienz und Verletzlichkeit zueinander?

Resilienz und Verletzlichkeit bestehen nebeneinander. Jeder Mensch hat verletzliche Seiten, etwa durch frühere Erfahrungen oder gesundheitliche Voraussetzungen. Ob eine Belastung zu Beschwerden führt, hängt vom Zusammenspiel aus Belastung, Verletzlichkeit und Schutzfaktoren ab.

Ein Bild aus dem Alltag: Zwei Häuser stehen im selben Sturm. Das eine hat ein älteres Dach, das andere eine gute Dämmung. Wie viel Schaden entsteht, hängt vom Sturm, vom Dach und von der Dämmung ab.

Daraus folgt auch: Beschwerden in einer schweren Phase sind eine verständliche Reaktion. Belastung kann jeden überfordern. George Bonanno beschrieb 2004, dass manche Menschen stabil bleiben und andere erst nach einer Phase mit Beschwerden zurückfinden. Beides sind häufige und gute Verläufe.

BegriffWas er beschreibtVerhältnis zu Resilienzfaktoren
ResilienzfaktorenEigenschaften und Umstände, die gesundes Bewältigen wahrscheinlicher machender Begriff, um den es auf dieser Seite geht
Resilienzgutes psychisches Ergebnis trotz oder nach Belastungdas Ergebnis, das die Faktoren begünstigen
RisikofaktorenUmstände, die Beschwerden wahrscheinlicher machendas Gegengewicht zu den Schutzfaktoren
Verletzlichkeitpersönliche Empfindlichkeit für Belastungwirkt zusammen mit Belastung und Schutzfaktoren
7 Säulen der ResilienzPraxismodell mit sieben Haltungengreift einige Schutzfaktoren auf, als Ganzes ungeprüft

Wie das populäre Säulenmodell aufgebaut ist und was es leistet, erklärt Die 7 Säulen der Resilienz.

MerksatzVerletzlich bleibt jeder. Resilienz heißt, genug Halt zu haben, um zurückzufinden.

Gegenmittel

So stärkst du Schutzfaktoren

  1. Beziehungen pflegen: Wer ist deine verlässliche Person im Beruf? Plan regelmäßigen Kontakt.
  2. Unterstützung anfragen, bevor die Last zu groß wird.
  3. Erfolgserlebnisse sammeln: Aufgaben so zuschneiden, dass du Fortschritt erlebst.
  4. Äußere Bedingungen prüfen: Was an Arbeitszeit, Erholung oder Unterstützung im Team lässt sich ändern?
  5. Als Führungskraft Halt geben: ansprechbar sein, Fortschritte sehen, Belastung ernst nehmen. Mehr dazu unter Resilienz für Führungskräfte.

Testfragen

Welche Schutzfaktoren hast du?

Denk an deine aktuelle Lage. Trifft die Aussage zu? Ja oder nein. Es gibt keinen Gesamtwert. Bei jedem Nein zeigt dir die Übung einen Ansatz.

  1. Es gibt im Beruf mindestens eine Person, mit der ich offen über Belastung sprechen kann.

    Antwort

    Ansatz: eine solche Person suchen und ansprechen.

  2. Ich frage um Hilfe, wenn mir etwas über den Kopf wächst.

    Antwort

    Ansatz: einmal pro Woche bewusst um Unterstützung bitten.

  3. Ich erlebe regelmäßig, dass mein Handeln etwas bewirkt.

    Antwort

    Ansatz: Selbstwirksamkeit

  4. Nach einem Konflikt komme ich innerhalb eines Tages wieder zur Ruhe.

    Antwort

    Ansatz: Emotionale Resilienz

  5. Meine Arbeitsbedingungen lassen mir genug Zeit zur Erholung.

    Antwort

    Ansatz: das Thema mit der Führungskraft ansprechen.

Reflexionswerkzeug, kein wissenschaftlich validierter Test. Deine Antworten werden nicht gespeichert.

Situationsfrage

  1. Ein neuer Auszubildender wirkt seit Wochen bedrückt und zieht sich zurück. Was kann die Ausbilderin im Sinne der Resilienzforschung am ehesten tun?

    1. AIhm sagen, er solle resilienter werden.
    2. BEin ruhiges Gespräch anbieten, verlässlich ansprechbar sein und bei Anzeichen ernster Belastung auf fachliche Hilfe hinweisen.
    3. CAbwarten, bis es von selbst besser wird.
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Verlässliche Bezugspersonen sind ein gut belegter Schutzfaktor. Antwort A legt die Last allein auf ihn. Antwort C lässt eine Chance zur Unterstützung ungenutzt.

Häufige Fragen

Wer war Emmy Werner?

Emmy Werner war eine Entwicklungspsychologin, die mit ihrer Langzeitstudie auf der Insel Kauai die Resilienzforschung geprägt hat. Sie begleitete alle Kinder des Geburtsjahrgangs 1955 über Jahrzehnte.

Was sind die wichtigsten Resilienzfaktoren?

Häufig genannt werden verlässliche Beziehungen, das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit, Fähigkeiten im Umgang mit Problemen und Gefühlen sowie realistische Zuversicht. Welcher Faktor am stärksten wirkt, hängt von Person und Lage ab.

Ist Resilienz angeboren?

Teilweise spielen Veranlagung und Temperament eine Rolle. Viele Schutzfaktoren liegen in Beziehungen und Umständen, die sich verändern lassen.

Quellen

  1. Werner, E. E. (1993). Risk, resilience, and recovery: Perspectives from the Kauai Longitudinal Study. Development and Psychopathology, 5, 503-515. PDF
  2. American Psychological Association, Resilience: apa.org
  3. Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience. American Psychologist, 59(1), 20-28. PDF bei gwern.net
  4. Kalisch, R. et al. (2017). The resilience framework as a strategy to combat stress-related disorders. Nature Human Behaviour, 1(11), 784-790. PDF

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