Unsicherheit und Risiko · Vertiefung
Worst-Case-Denken: Nutzen und Falle
Wann dich der Gedanke an den schlimmsten Fall gut vorbereitet, wann er dich lähmt und wie du aus ihm einen Plan machst.
Jonas leitet die Buchhaltung eines Möbelherstellers mit 300 Beschäftigten. Zum Jahreswechsel stellt das Unternehmen auf eine neue Buchhaltungssoftware um. Seit Wochen geht Jonas abends durch, was alles schiefgehen kann: falsche Kontenzuordnung, verspätete Löhne, Fehler im Jahresabschluss, ein Ärger mit dem Finanzamt. Ein Teil davon hat zu sinnvollen Tests geführt. Inzwischen schläft er schlecht und kann sich bei der Arbeit kaum noch auf etwas anderes konzentrieren.
Beispiel frei erfunden.
Wann ist der schlimmste Fall nützlich?
Der schlimmste Fall ist nützlich, wenn er dir zeigt, wo du dich absichern kannst. Wer weiß, was im ungünstigsten Fall passiert, kann Vorkehrungen treffen: einen Plan B, einen Puffer, eine zweite Prüfung. Danach darf der Gedanke wieder gehen.
Die Psychologinnen Julie Norem und Nancy Cantor beschrieben 1986 eine Strategie, die sie defensiven Pessimismus nannten. Manche Menschen setzen ihre Erwartungen bewusst niedrig an und spielen durch, was schiefgehen könnte. Die Angst wird so zum Antrieb für gute Vorbereitung. In ihren Untersuchungen sagten sich diese Menschen schlechtere Leistungen voraus, als sie dann tatsächlich erbrachten.
Bei Jonas hat der Gedanke an den schlimmsten Fall zunächst geholfen. Er hat einen Probelauf mit den Daten von Oktober angesetzt und die Lohnabrechnung im Dezember doppelt geplant, im alten und im neuen System. Das war gute Vorbereitung.
Ein verwandtes Werkzeug für Teams ist das Pre-Mortem: Man stellt sich vor, ein Vorhaben sei gescheitert, und sucht die Gründe. Mehr dazu auf der Seite Pre-Mortem.
Ein Bild aus dem Alltag: Wer zu einem wichtigen Termin in eine fremde Stadt fährt, überlegt vielleicht, was passiert, wenn der Zug ausfällt. Daraus folgt eine einfache Vorkehrung: einen Zug früher nehmen und die Nummer des Gesprächspartners griffbereit haben. Danach gibt es keinen Grund mehr, auf der Fahrt an Zugausfälle zu denken. Die Sorge hat ihre Arbeit getan.
Wann kippt es in lähmendes Katastrophendenken?
Es kippt, wenn das Nachdenken keine neuen Vorkehrungen mehr bringt und trotzdem weitergeht. Typische Zeichen sind: Du gehst dieselben Szenarien immer wieder durch. Du erfindest neue Katastrophen, sobald eine abgesichert ist. Und du schätzt sehr unwahrscheinliche Folgen als fast sicher ein.
Vorbereitung oder Grübeln?
| Vorbereitung | Grübeln |
|---|---|
| „Was tue ich, wenn die Löhne nicht pünktlich laufen? Ich plane eine Notzahlung.“ | „Was, wenn die Löhne nicht laufen? Und dann kündigen alle. Und dann …“ |
| führt zu einer konkreten Vorkehrung | führt zu einer neuen Sorge |
| endet, wenn die Vorkehrung steht | beginnt von vorn, sobald es ruhig ist |
| bleibt bei Folgen, die realistisch sind | springt zu Folgen, die sehr unwahrscheinlich sind |
Vergleich deine Gedanken mit den beiden Spalten.
Unterscheidung von T1Leaders.
Jonas merkt das Kippen an einem Abend im November. Alle wichtigen Risiken sind abgesichert. Trotzdem liegt er wach und überlegt, was passiert, wenn der Softwareanbieter insolvent wird und gleichzeitig das Finanzamt prüft. Die Gedanken führen zu keiner neuen Vorkehrung mehr und kosten ihn Schlaf.
Wenn Angst deine Entscheidungen bestimmt, hilft die Seite Entscheidungen aus Angst. Und wenn die Furcht vor Fehlern dich generell zögern lässt, findest du mögliche Wege unter Entscheidungsangst.
Wie seltene, unvorhersehbare Ereignisse einzuordnen sind, ohne in Katastrophendenken zu geraten, zeigt die Seite Schwarze Schwäne.
MerksatzWenn das Nachdenken keine neue Vorkehrung mehr bringt, ist es Zeit aufzuhören.
Wie machst du aus dem Worst Case einen Plan?
Die folgende Übung hilft, den schlimmsten Fall auf ein realistisches Maß zu bringen und in Handlungen zu übersetzen. Sie dauert etwa 20 Minuten.
- Den schlimmsten Fall aufschreiben, so konkret wie möglich. Was genau passiert?
- Den realistisch schlimmsten Fall daneben schreiben: Was ist ungünstig, aber vorstellbar, wenn du ehrlich auf die Lage schaust?
- Für den realistisch schlimmsten Fall eine Vorkehrung festlegen: Was tust du vorher, und was tust du, wenn er eintritt?
- Die Frage nach dem Danach stellen: Wenn dieser Fall eintritt, wie geht es in drei Monaten weiter? Oft zeigt sich, dass auch ein schlechter Verlauf zu bewältigen wäre.
Am Ende legst du das Blatt weg. Taucht die Sorge wieder auf, erinnerst du dich: Die Vorkehrung steht.
Jonas macht die Übung. Sein schlimmster Fall: Insolvenz des Anbieters, Datenverlust, Prüfung durch das Finanzamt. Sein realistisch schlimmster Fall: einige Wochen Mehrarbeit, weil Buchungen nachgetragen werden müssen. Die Vorkehrung: eine Datensicherung im alten System bis Ende März und zwei Aushilfen auf Abruf. Danach schläft er besser und kann sich tagsüber wieder auf seine Arbeit konzentrieren.
MerksatzAus dem schlimmsten Fall wird ein Plan, wenn du ihn realistisch machst und eine Vorkehrung festlegst.
Gegenmittel
So gehst du mit Worst-Case-Gedanken um
- Prüfen, ob der Gedanke neu ist: Bringt er eine Vorkehrung, die du noch nicht hast?
- Wenn ja, die Vorkehrung festlegen und aufschreiben, wer was bis wann tut.
- Wenn nein, den Gedanken bewusst ziehen lassen: Die Vorkehrung steht bereits.
- Eine feste Sorgenzeit wählen: Neue Sorgen notieren und erst zu diesem Zeitpunkt prüfen.
- Auf Warnzeichen achten: Wenn die Gedanken über Wochen Schlaf und Arbeit beeinträchtigen, Unterstützung holen.
Situationsfrage
Eine Projektleiterin bereitet eine Präsentation vor dem Vorstand vor. Sie hat mögliche kritische Fragen gesammelt und Antworten vorbereitet. Am Abend vor dem Termin ertappt sie sich dabei, wie sie sich vorstellt, dass sie stottert, der Beamer ausfällt und sie danach ihren Job verliert. Was hilft am ehesten?
- ADie ganze Nacht weitere Fragen und Antworten sammeln.
- BEinen Ausdruck der Folien einpacken, die Vorbereitung als abgeschlossen ansehen und den Abend bewusst mit etwas anderem verbringen.
- CDen Termin absagen, weil das Risiko zu groß ist.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Die sinnvolle Vorbereitung ist erledigt, der Ausdruck sichert gegen den Beamerausfall ab. Weitere Gedanken bringen keine neue Vorkehrung. Antwort A verlängert das Grübeln. Antwort C lässt die Angst entscheiden.
Hilfe
Wann ist professionelle Unterstützung sinnvoll?
Hol dir Unterstützung, wenn Gedanken an schlimme Folgen dich über Wochen beschäftigen und sich kaum stoppen lassen. Das gilt besonders, wenn sie deinen Schlaf, deine Arbeit oder deine Beziehungen deutlich beeinträchtigen oder mit körperlicher Anspannung, Herzrasen oder anhaltender Unruhe einhergehen.
Gelegentliche Sorgen sind normal. Kommen mehrere dieser Zeichen zusammen, können sie auf eine behandelbare Angststörung hinweisen. Dann gehört die Einschätzung in fachliche Hände.
Häufige Fragen
Ist Worst-Case-Denken gut oder schlecht?
Es kommt darauf an, wohin es führt. Wenn es zu konkreten Vorkehrungen führt und dann endet, ist es nützlich. Wenn es sich im Kreis dreht und keine Handlung folgt, schadet es eher.
Was ist Katastrophendenken?
Ein Denkmuster, bei dem Gedanken immer wieder zu schlimmen Folgen springen und diese größer ausmalen, als sie wahrscheinlich sind. Es führt meist zu Anspannung und selten zu Lösungen.
Wie höre ich auf, immer das Schlimmste zu erwarten?
Schreib den schlimmsten und den realistisch schlimmsten Fall auf und leg für den zweiten eine Vorkehrung fest. Wenn die Gedanken trotzdem über Wochen nicht nachlassen, sprich mit deiner Hausarztpraxis oder einer psychotherapeutischen Sprechstunde.
Quellen
- Norem, J. K. und Cantor, N. (1986). Defensive pessimism: Harnessing anxiety as motivation. Journal of Personality and Social Psychology, 51(6), 1208-1217.
- Norem, J. K. und Cantor, N. (1986). Anticipatory and post hoc cushioning strategies: Optimism and defensive pessimism in „risky“ situations. Cognitive Therapy and Research, 10(3), 347-362. Springer
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