Entscheidungen treffen · Vertiefung
Entscheidungskompetenz: was gute Entscheider ausmacht
Woran du gute Entscheider im Alltag erkennst, wie du dich selbst einschätzt und wie sich jede Fähigkeit gezielt üben lässt.
Sabine ist seit einem Jahr Pflegedienstleitung in einem ambulanten Pflegedienst mit 45 Beschäftigten. Jeden Tag trifft sie Dutzende Entscheidungen: Touren umplanen, neue Patienten aufnehmen, Konflikte im Team klären. Ihre Vorgängerin galt als „geborene Entscheiderin“. Sabine fragt sich, ob man das lernen kann. Und woran sie überhaupt merkt, ob sie gut entscheidet.
Beispiel frei erfunden.
Was ist Entscheidungskompetenz?
Entscheidungskompetenz ist ein Bündel von Fähigkeiten, die zusammen die Qualität von Entscheidungen prägen. Sie ist messbar. Bruine de Bruin und Kollegen prüften Erwachsene mit sieben Aufgaben, etwa zur Beständigkeit gegenüber Formulierungen und zur realistischen Einschätzung der eigenen Sicherheit. Wer dabei besser abschnitt, berichtete von weniger schlechten Entscheidungsfolgen im eigenen Leben.
Ein Bild aus dem Alltag: Einen guten Koch erkennst du an seinen Gewohnheiten. Er probiert während des Kochens, plant die Reihenfolge und lernt aus Fehlschlägen. Mit Entscheidern ist es ähnlich.
Die sieben Aufgaben des Tests prüfen recht unterschiedliche Dinge. Eine Aufgabe misst, ob jemand dieselbe Frage gleich beantwortet, wenn sie einmal positiv und einmal negativ formuliert ist. Eine andere misst, ob jemand bereits ausgegebenes Geld aus der Rechnung lässt. Wieder eine andere prüft, ob die eigene Sicherheit zur tatsächlichen Trefferquote passt. Gemeinsam ist allen: Sie prüfen das Vorgehen beim Entscheiden, unabhängig vom Fachwissen.
Für Sabine ist das eine gute Nachricht. Auch ihre Vorgängerin hat ihre Gewohnheiten vermutlich über Jahre entwickelt. Solche Gewohnheiten lassen sich beschreiben und üben.
MerksatzEntscheidungskompetenz zeigt sich an Gewohnheiten, die über viele Entscheidungen tragen.
Welche sechs Verhaltensweisen zeigen gute Entscheider?
Sechs Verhaltensweisen lassen sich im Alltag beobachten. Das Modell ist ein Arbeitsmodell von T1Leaders und stützt sich auf Themen aus der Entscheidungsforschung.
Sechs Verhaltensweisen guter Entscheider
| Verhaltensweise | Woran man sie erkennt | Übung |
|---|---|---|
| Frage klären | fragt zuerst „Was genau entscheiden wir?“ | die Frage vor jeder Entscheidung in einem Satz aufschreiben |
| Optionen entwickeln | prüft mehr als zwei Wege | bei jeder Ja-Nein-Frage eine dritte Option suchen |
| Wissen und Vermutung trennen | sagt „Das wissen wir“ und „Das vermuten wir“ | Annahmen in einer eigenen Spalte notieren |
| Sicherheit einschätzen | nennt, wie sicher sie ist, und liegt damit oft richtig | Vorhersagen mit Prozentangabe festhalten und später prüfen |
| sich festlegen | entscheidet zum vereinbarten Zeitpunkt | jede Entscheidung mit Frist versehen |
| aus Ergebnissen lernen | prüft Annahmen nach, ohne Schuld zu suchen | einmal im Monat drei Entscheidungen auswerten |
Lies die Tabelle und markiere die Verhaltensweise, die dir am schwersten fällt.
Arbeitsmodell von T1Leaders, kein wissenschaftlich validierter Test.
Sabine beobachtet sich eine Woche lang. Sie merkt: Optionen entwickelt sie gut, beim Festlegen zögert sie. Drei Tourenänderungen hat sie vertagt, bis die Mitarbeitenden selbst improvisiert haben. Das ist ihr Ansatzpunkt.
MerksatzKaum jemand ist in allen sechs gleich stark. Fang bei der schwächsten an.
Wie lässt sich Entscheidungskompetenz entwickeln?
Entscheidungskompetenz entwickelst du, indem du eine Verhaltensweise nach der anderen übst, mit Rückmeldung. Wer alle sechs gleichzeitig verbessern will, verzettelt sich leicht. T1Leaders empfiehlt einen Takt von vier Wochen pro Verhaltensweise.
Testfragen
Selbsteinschätzung
Denk an deine letzten fünf wichtigen Entscheidungen. Trifft die Aussage zu? Ja oder nein. Es gibt keinen Gesamtwert. Bei jedem Nein zeigt dir die Einschätzung einen Ansatzpunkt.
Ich konnte die Frage jeweils in einem Satz benennen.
Ansatz: vor der nächsten Entscheidung die Frage aufschreiben.
Ich habe jeweils mindestens drei Optionen geprüft.
Ansatz: Optionen entwickeln
Ich wusste, welche meiner Annahmen unsicher waren.
Ansatz: Annahmen in einer eigenen Spalte notieren.
Ich habe vorher notiert, wie sicher ich mir war.
Ansatz: Entscheidungsjournal
Ich habe zum vereinbarten Zeitpunkt entschieden.
Ansatz: Entscheidungsfreudiger werden
Ich habe mindestens eine dieser Entscheidungen später ausgewertet.
Reflexionswerkzeug, kein wissenschaftlich validierter Test. Deine Antworten werden nicht gespeichert.
Dabei hilft vor allem Rückmeldung. Wer nie prüft, ob seine Einschätzungen stimmen, bleibt bei seinen Gewohnheiten, auch bei den schlechten. Das Entscheidungsjournal liefert diese Rückmeldung für Einzelne. In Teams hilft eine kurze Auswertung nach wichtigen Entscheidungen.
Sabine nimmt sich vier Wochen lang vor, jede Entscheidung mit einer Frist zu versehen und sie ihrem Team zu nennen. Nach drei Wochen merkt sie, dass die Fristen selbst schon Druck nehmen. Wie Führungskräfte im Team entscheiden, zeigt Entscheidungen als Führungskraft.
Was ist Entscheidungskompetenz nicht?
Entscheidungskompetenz wird oft mit anderen Eigenschaften verwechselt. Wer schnell entscheidet, wirkt kompetent. Wer viel weiß, wirkt kompetent. Beides kann täuschen.
| Begriff | Was er beschreibt | Verhältnis zur Entscheidungskompetenz |
|---|---|---|
| Entscheidungskompetenz | Fähigkeit, Entscheidungen gut vorzubereiten, zu treffen und auszuwerten | der Begriff, um den es auf dieser Seite geht |
| Entscheidungsfreude | Bereitschaft, sich schnell festzulegen | ein Teil davon, ohne Prüfung kann sie in Leichtsinn kippen |
| Fachwissen | Kenntnis eines Fachgebiets | hilft beim Bewerten. Optionen zu entwickeln ist eine eigene Fähigkeit |
| Intuition | schnelles Urteil aus Erfahrung | verlässlich in vertrauten Lagen mit Rückmeldung, unsicher in neuen |
| Durchsetzungsstärke | Fähigkeit, Entscheidungen gegen Widerstand umzusetzen | wichtig für die Umsetzung. Über die Qualität der Wahl sagt sie wenig |
Ein verbreiteter Irrtum lautet: Gute Entscheider zweifeln nie. Gute Entscheider kennen ihre Unsicherheit und handeln trotzdem. Wer sich immer sicher ist, schätzt seine Sicherheit oft zu hoch ein. Mehr dazu auf der Seite Overconfidence.
Gegenmittel
So stärkst du deine Entscheidungskompetenz
- Selbsteinschätzung machen: Welche der sechs Verhaltensweisen fällt dir am schwersten?
- Eine Verhaltensweise wählen und die passende Übung für vier Wochen festlegen.
- Rückmeldung einbauen: Erwartungen notieren und nach Ablauf prüfen.
- Eine Person um Beobachtung bitten, etwa eine Kollegin, die dir offen sagt, was sie sieht.
- Nach vier Wochen wechseln zur nächsten Verhaltensweise. Den ganzen Ablauf einer Entscheidung findest du unter Entscheidungen treffen.
Situationsfrage
Ein Teamleiter entscheidet schnell und gern. Rückblickend lagen seine Prognosen oft daneben, er war sich aber jedes Mal sehr sicher. Welche Übung hilft ihm weiter?
- ANoch schneller entscheiden, damit mehr Erfahrung zusammenkommt.
- BVor jeder wichtigen Entscheidung notieren, wie sicher er sich ist, und das nach drei Monaten mit den Ergebnissen vergleichen.
- CWichtige Entscheidungen an andere abgeben.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Ihm fehlt die realistische Einschätzung der eigenen Sicherheit. Antwort A verstärkt das Muster. Antwort C weicht aus. Antwort B liefert die Rückmeldung, die seine Einschätzung schärft.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Entscheidungskompetenz und Entscheidungsfähigkeit?
Im Alltag werden beide Wörter oft gleich verwendet. Entscheidungsfähigkeit meint häufig die grundsätzliche Möglichkeit, überhaupt zu entscheiden. Entscheidungskompetenz meint eher die Qualität, mit der jemand entscheidet.
Kann man Entscheidungskompetenz lernen?
Die einzelnen Verhaltensweisen lassen sich üben, etwa das Entwickeln von Optionen oder das Notieren der eigenen Sicherheit. Wie groß der Effekt eines Trainings ist, hängt vom Training und von der Rückmeldung ab.
Wie zeigt man Entscheidungskompetenz im Vorstellungsgespräch?
Mit einem konkreten Beispiel: welche Frage du entscheiden musstest, welche Optionen du geprüft hast, wie du entschieden hast und was du daraus gelernt hast. Auch ein offen benannter Fehler mit der Lehre daraus kann überzeugen.
Quellen
- Bruine de Bruin, W., Parker, A. M. und Fischhoff, B. (2007). Individual differences in adult decision-making competence. Journal of Personality and Social Psychology, 92(5), 938-956. PDF bei gwern.net
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