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Methoden · Vertiefung

Tetralemma: Methode und Anleitung

Wie du aus einem Entweder-oder herauskommst, indem du fünf Positionen nacheinander einnimmst.

Stand · David Rudolph, KI-gestützte Erstellung · rund 7 Minuten Lesezeit

Jens leitet die Produktion einer Kunststoffspritzerei mit 60 Beschäftigten. Ein Autozulieferer bietet einen Großauftrag an: zwei Jahre Laufzeit, gute Marge. Die Maschinen sind aber zu 90 Prozent ausgelastet, das Team macht seit Monaten Überstunden. Nimmt Jens an, droht er die Leute zu verlieren. Lehnt er ab, verschenkt er Wachstum. Seit einer Woche dreht er sich im Kreis. Gibt es nur diese zwei Wege?

Beispiel frei erfunden.

Was bedeuten die fünf Positionen?

Jede Position stellt eine eigene Frage. Die ersten zwei kennst du schon aus deinem Dilemma. In den drei weiteren steckt die Arbeit.

PositionFrageBei Jens
1. Das EineWas spricht für diese Option, und was würde sie ermöglichen?Auftrag annehmen: Wachstum, sichere Auslastung für zwei Jahre
2. Das AndereWas spricht für die Gegenoption, und was schützt sie?Auftrag ablehnen: Team entlasten, Qualität für Bestandskunden halten
3. BeidesWie lassen sich beide verbinden, die scheinbar unvereinbar sind?Annehmen mit gestaffeltem Start, wenn eine zusätzliche Schicht steht
4. Keines von beidenWas ist übersehen worden? Worum geht es im Grunde?Auftrag an einen befreundeten Betrieb vermitteln und an der Werkzeugbetreuung verdienen
5. All dies nicht, und auch das nichtWas, wenn die ganze Frage falsch gestellt ist?Die Frage dahinter: Welche Kunden und welches Wachstum will die Firma überhaupt?

Die Formulierung der fünften Position folgt der Beschreibung bei Varga von Kibéd und Sparrer sinngemäß.

Ein Bild aus dem Alltag: Zwei Freunde streiten, ob sie am Wochenende in die Berge oder ans Meer fahren. Beides hieße: ein See in den Bergen. Keines von beiden: Vielleicht wollen beide nur raus aus der Stadt, und ein Ausflug in die Nähe reicht. Die fünfte Position fragt: Ist die Ausflugsplanung gerade das, worüber sie reden müssten?

MerksatzPosition 3 sucht die Verbindung, Position 4 den übersehenen Weg, Position 5 die bessere Frage.

Wie gehst du bei einem Tetralemma vor?

Du kannst das Tetralemma allein am Schreibtisch, zu zweit oder als Aufstellung im Raum durchgehen. Bei der Aufstellung legst du fünf Zettel auf den Boden und stellst dich nacheinander auf jede Position. Die körperliche Bewegung hilft vielen, eine Position ganz einzunehmen.

Der Ablauf in fünf Schritten:

  1. Dilemma benennen: in einem Satz, etwa „Nehme ich den Auftrag an oder lehne ich ab?“
  2. Positionen auslegen: fünf Zettel oder fünf Felder auf einem Blatt.
  3. Nacheinander einnehmen: auf jeder Position zwei bis drei Minuten in der Ich-Form sprechen oder schreiben. Bei zweien hört die zweite Person zu und notiert.
  4. Unterschiede bemerken: Wo fühlte es sich leichter an? Wo kam etwas Neues?
  5. Ergebnis festhalten: Welche Idee nimmst du mit, und was prüfst du als Nächstes?

Bei Jens bringt Position 4 den Durchbruch. Er kennt einen Betrieb im Nachbarort mit freien Maschinen. Er könnte den Auftrag dorthin vermitteln und die Werkzeuge selbst bauen und betreuen. Ob das trägt, prüft er mit einem Anruf beim Auftraggeber und beim Nachbarbetrieb.

Position 5 lässt ihm eine Frage zurück, die über den Auftrag hinausgeht: Will die Firma überhaupt weiter für die Autoindustrie wachsen? Das gehört in die Strategierunde im Herbst.

MerksatzNimm jede Position ernst, auch die, die zuerst absurd klingt. Manchmal liegt die Lösung dort.

Wie unterscheidet sich das Tetralemma von einem Kompromiss?

Ein Kompromiss teilt die Differenz: Jede Seite gibt etwas ab. Das Tetralemma sucht in Position 3 eine Verbindung, bei der beide Anliegen voll erfüllt werden, und in Position 4 einen Weg außerhalb der beiden Optionen.

AnsatzWas passiertBei Jens
Kompromissbeide Seiten geben etwas abhalben Auftrag annehmen, Team arbeitet trotzdem mehr
Position 3, beidesbeide Anliegen werden verbundenvoller Auftrag mit gestaffeltem Start nach Aufbau einer neuen Schicht
Position 4, keines von beidenein dritter Weg wird gefundenAuftrag vermitteln und an den Werkzeugen verdienen

Ein Kompromiss kann trotzdem die richtige Wahl sein. Das Tetralemma sorgt dafür, dass du ihn erst wählst, nachdem du die anderen Wege gesehen hast. Wie du schwierige Abwägungen insgesamt angehst, liest du unter Schwere Entscheidungen treffen.

MerksatzEin Kompromiss teilt, Position 3 verbindet, Position 4 umgeht.

Grenzen

Wann passt das Tetralemma nicht?

  • Wenn die Optionen messbar sind: Lassen sich die Optionen nach klaren Kriterien bewerten, ist eine Entscheidungsmatrix schneller und nachvollziehbarer.
  • Wenn die Zeit fehlt: Eine gründliche Runde dauert 30 bis 60 Minuten. In einer akuten Lage ist das zu lang.
  • Wenn Position 3 zum Kompromiss verkommt: „Beides“ heißt: Beide Anliegen werden voll erfüllt. „Von allem ein bisschen“ ist ein fauler Kompromiss und löst das Dilemma selten.
  • Wenn das Ergebnis nicht geprüft wird: Eine neue Idee aus Position 4 ist eine Hypothese. Sie braucht einen Realitätscheck mit Zahlen.
  • Organisationale Grenze: Kreativität als Ausweichmanöver. In manchen Runden dient das Tetralemma dazu, eine unbequeme Entscheidung immer weiter aufzuschieben. Jede Sitzung bringt neue Ideen, und die Wahl bleibt aus. Schutz im Prozess: Vor der Übung festlegen, bis wann entschieden wird und wer entscheidet. Die Ideen aus der Übung fließen in eine Bewertung, etwa mit einer Nutzwertanalyse.

Gegenmittel

So nutzt du das Tetralemma bei deinem Dilemma

  1. Dilemma in einem Satz aufschreiben, mit zwei klaren Optionen.
  2. Alle fünf Positionen durchgehen, auch wenn eine zuerst unsinnig klingt.
  3. In der Ich-Form sprechen oder schreiben, damit du die Position von innen erlebst.
  4. Neue Optionen sammeln und mit den ursprünglichen zwei vergleichen.
  5. Entscheidung mit Frist festlegen und neue Optionen prüfen. Wie du aus wenigen Optionen mehr machst, zeigt die Seite Optionen entwickeln.

Übung

Übung am eigenen Fall

  1. Eine Teamleiterin überlegt, ob sie einen erfahrenen, aber schwierigen Mitarbeiter behalten oder sich von ihm trennen soll. Welche Idee entspricht Position 4, keines von beiden?

    1. ADen Mitarbeiter behalten und ihm eine Abmahnung geben.
    2. BFragen, ob das Problem in der Zusammensetzung des Teams oder in der Rolle liegt, und eine andere Aufgabe für ihn prüfen, etwa als Fachexperte ohne Teamverantwortung.
    3. CDen Mitarbeiter halb behalten, indem er in Teilzeit wechselt.
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Antwort A bleibt bei Position 1, nur mit Auflage. Antwort C ist ein Versuch von Position 3, beides zu verbinden. Antwort B verlässt das Entweder-oder und fragt, was übersehen wurde.

Häufige Fragen

Was ist ein Tetralemma einfach erklärt?

Ein Tetralemma erweitert ein Dilemma mit zwei Optionen um drei weitere Sichtweisen: beides zusammen, keines von beiden und eine Position, die die ganze Frage infrage stellt. Es hilft, wenn man sich zwischen zwei Wegen festgefahren hat.

Woher kommt das Tetralemma?

Das Grundschema stammt aus der indischen Logik, wo es Catuskoti heißt, und wurde in der buddhistischen Philosophie verwendet. Für Beratung und Coaching haben es Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer ausgearbeitet.

Kann ich das Tetralemma allein machen?

Ja. Schreibe zu jeder Position zwei bis drei Sätze in der Ich-Form auf ein Blatt. Zu zweit fällt es vielen leichter, weil die zweite Person nachfragen und notieren kann.

Quellen

  1. Varga von Kibéd, M. und Sparrer, I. (2020). Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen. 11. Auflage. Carl-Auer. Leseprobe Carl-Auer
  2. Tetralemma, Überblick zu Herkunft und Anwendung: Wikipedia

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