Zum Inhalt springen
T1Leaders

Methoden · Vertiefung

Stakeholder-Impact-Map: Wer eine Entscheidung kippen kann und wen sie trifft

Wie du vor einer Entscheidung siehst, wer sie kippen kann, wen sie trifft und über welche Wege Betroffene Einfluss gewinnen.

Stand · David Rudolph · rund 15 Minuten Lesezeit

So funktioniert die Methode

Jede Gruppe bekommt zwei Werte: Wie stark kann sie die Entscheidung beeinflussen, und wie stark trifft die Entscheidung sie? Aus beiden Werten ergibt sich ein Feld mit vier Quadranten und je einer Strategie.

Vier Quadranten aus Einfluss und Betroffenheit

Einfluss / Betroffenheit

Wenig betroffen

Stark betroffen

Viel Einfluss

Zufrieden halten. Vorab informieren, Einwände klären.

Eng einbinden. Früh beteiligen, gemeinsam planen.

Wenig Einfluss

Beobachten. Standardinformation, neu bewerten.

Abfedern und einbinden. Folgen mildern, früh beteiligen. Ergänzung von T1Leaders zum Einfluss-Interesse-Raster.

Wer wenig Einfluss hat, aber stark betroffen ist, braucht eine eigene Strategie. Ein Einflusspfad entsteht, wenn ein mächtiger Fürsprecher das Anliegen dieser Gruppe übernimmt.
Daten als Tabelle
QuadrantEinflussBetroffenheitStrategie
Zufrieden haltenvielwenigVorab informieren, Einwände klären
Eng einbindenvielstarkFrüh beteiligen, gemeinsam planen
BeobachtenwenigwenigStandardinformation, neu bewerten
Abfedern und einbindenwenigstarkFolgen mildern, früh beteiligen

Oben steht, wer die Entscheidung kippen kann. Rechts steht, wen sie trifft.

Betroffenheit statt Interesse

Das klassische Raster der Stakeholderanalyse fragt nach Einfluss und Interesse. Interesse kann sich laut Open University über die Zeit ändern. Wird es als Aufmerksamkeit bewertet, ist das eine Momentaufnahme. Wer heute noch nichts von einer Entscheidung weiß, landet unten in der Ecke „Beobachten“.

Betroffenheit misst etwas anderes: was sich für eine Gruppe konkret ändert, wenn die Entscheidung umgesetzt wird, etwa bei Geld, Wegen, Arbeitsplätzen oder Abläufen.

Diese Achse ist eine Ergänzung von T1Leaders. Sie greift die zweite Hälfte von Freemans Stakeholder-Definition auf. Danach sind Stakeholder alle, die die Zielerreichung einer Organisation beeinflussen können oder von ihr betroffen sind. Auch die Grenze „ab 3 gilt ein Wert als hoch“ ist eine Konvention von T1Leaders. Sie dient nur der Zuordnung zu den Quadranten.

Der Quadrant unten rechts

Der Nutzen zeigt sich im Quadranten unten rechts. Dort stehen Gruppen mit wenig Einfluss und hoher Betroffenheit. Im klassischen Raster bekommen sie Informationen, in der Impact-Map eine eigene Aufgabe: Auswirkungen abfedern und die Gruppe einbinden, bevor andere für sie sprechen.

Die Stakeholder-Forschung kennt diesen Fall. Mitchell, Agle und Wood beschreiben Gruppen mit berechtigtem und dringendem Anliegen ohne eigene Macht. Sie sind auf mächtige Fürsprecher angewiesen, in den Fallbeispielen etwa Behörden, Gerichte oder eine Gewerkschaft.

Deshalb gehören auf die Map auch Einflusspfade: Pfeile, die zeigen, wer wem Einfluss leihen kann. Eden und Ackermann nutzen solche Einflussdiagramme für Beziehungen zwischen Stakeholdern. Ein Pfeil von unten rechts nach oben ist das Warnsignal, nach dem die Map sucht.

Das Ergebnis ist eine Karte mit Zuständigkeiten. Ob die Entscheidung fachlich richtig ist, beantwortet sie nicht. Sie zeigt, wessen Zustimmung nötig ist und wessen Lage sich verschlechtert.

MerksatzEin Pfeil von unten rechts nach oben ist das Warnsignal, nach dem die Map sucht.

Woher kommt die Stakeholder-Impact-Map?

Die Stakeholder-Impact-Map setzt sich aus Bausteinen der Managementforschung von 1981 bis 2011 zusammen. Die Bausteine sind gut dokumentiert, ihre Wirkung auf Entscheidungen kaum.

JahrWasBedeutung
1981A. L. Mendelow verbindet in einem Konferenzbeitrag das Stakeholder-Konzept mit der Umfeldbeobachtung. Fokus und Methode richten sich nach der Macht des Stakeholders und der Dynamik des Umfelds.Macht wird zum Sortierkriterium
1984R. Edward Freeman veröffentlicht Strategic Management: A Stakeholder Approach in der Pitman-Reihe (Rutgers).Stakeholder werden Teil der Strategie, Definition mit „beeinflussen oder betroffen sein“
1991Ein Raster aus Macht und Interesse wird als Mendelow-Matrix zitiert (Open University).Vier Quadranten mit Strategien
1997Mitchell, Agle und Wood veröffentlichen ihr Salienz-Modell in der Academy of Management Review.Macht, Legitimität und Dringlichkeit, sieben Stakeholder-Typen
1998Eden und Ackermann veröffentlichen Making Strategy (Sage) mit dem Einfluss-Interesse-Raster und Einflussdiagrammen.Quadranten Players, Subjects, Context Setters, Crowd
1999Agle, Mitchell und Sonnenfeld befragen die CEOs von 80 großen US-Unternehmen.Erster Test des Salienz-Modells
2004John M. Bryson sammelt 15 Analysetechniken in der Public Management Review.Werkzeugkasten mit Rastern und Diagrammen
2011Ackermann und Eden beschreiben in Long Range Planning ihre Methode aus 15 Jahren mit 16 Topmanagement-Teams.Praxisbeleg aus Strategieprojekten

Freeman definiert Stakeholder als jede Gruppe oder Person, die die Zielerreichung einer Organisation beeinflussen kann oder von ihr betroffen ist. So zitieren ihn Mitchell, Agle und Wood sowie Bryson. Das Einfluss-Interesse-Raster greift von dieser Definition nur die erste Hälfte systematisch auf.

Bei Bryson heißen die vier Felder Players (viel Interesse, viel Macht), Subjects (Interesse ohne Macht), Context Setters (Macht ohne direktes Interesse) und Crowd. Interesse meint er politisch, als Anliegen an der Sache. Das liegt nah an der Achse Betroffenheit. Er fordert, auch nominell machtlose Gruppen als Stakeholder zu führen.

Die Zuschreibung an Mendelow ist unsicher. In der Kurzfassung seines Beitrags von 1981 spricht Mendelow von Macht und Dynamik, ein Interesse-Raster erwähnt er dort nicht. Bryson führt das Raster auf Eden und Ackermann zurück.

Mitchell, Agle und Wood definieren Salienz als den Grad, in dem Manager konkurrierenden Ansprüchen Vorrang geben. Die drei Merkmale sind für sie variabel und sozial konstruiert. Eine Gruppe kann also aufsteigen, wenn sie ein fehlendes Merkmal hinzugewinnt, etwa über Koalitionen.

Die Map übernimmt aus dem Modell zwei Gedanken: Einfluss kann geliehen werden, und jede Bewertung gilt nur für einen Zeitpunkt. Legitimität und Dringlichkeit bewertet die Map nicht getrennt. Wer das Salienz-Modell vollständig anwenden will, braucht drei Werte pro Gruppe statt zwei.

Wie erstellst du eine Stakeholder-Impact-Map?

Eine Stakeholder-Impact-Map braucht in einem Workshop rund 105 Minuten und ein Team, das die Betroffenen kennt. Das Raster und die Einflusspfade stammen von Eden und Ackermann, die Machtgrundlagen aus Brysons Sammlung. Die Achse Betroffenheit, die Strategie „Abfedern“, das Zerlegen der Gruppen und der Überprüfungstermin sind Ergänzungen von T1Leaders.

Vorbereitung: Hol 5 bis 8 Personen dazu, darunter mindestens eine mit direktem Kontakt zu den Betroffenen, etwa aus Filiale, Werk oder Kundendienst. Du brauchst ein Board mit zwei Achsen von 1 bis 5.

  1. Entscheidung festlegen (10 Minuten). Formuliere einen Satz mit Maßnahme, Umfang und Datum, etwa „Neun Filialen schließen zum 30. Juni“. „Filialnetz optimieren“ ist für eine Map zu vage. Die Map gilt immer nur für diese eine Entscheidung.
  2. Gruppen sammeln (10 Minuten). Jede Person schreibt still alle Gruppen auf, die die Entscheidung beeinflussen können oder spüren werden. Bryson fordert ausdrücklich, auch nominell machtlose Gruppen aufzunehmen.
  3. Gruppen zerlegen (15 Minuten). „Kunden“ oder „Mitarbeitende“ sind zu grob. Teile sie, bis jede Gruppe ungefähr gleich betroffen ist und gleich reagieren würde.
  4. Einfluss bewerten (15 Minuten). Vergib einen Wert von 1 bis 5. Notiere für jede Gruppe die Machtgrundlage: Stimmrecht, Geld, Mitbestimmung, Öffentlichkeit, Aufsicht. Ohne benannte Grundlage gilt der Wert als Vermutung.
  5. Betroffenheit bewerten (15 Minuten). Vergib einen Wert von 1 bis 5. Frag dich: Was ändert sich für diese Gruppe konkret, in Euro, Minuten oder Arbeitsplätzen? Ab 3 gilt ein Wert als hoch.
  6. Einflusspfade zeichnen (15 Minuten). Zeichne Pfeile von Gruppen, die anderen Einfluss leihen können. Frag dich: Wer würde für wen sprechen? Prüfe jeden Pfeil von unten rechts nach oben.
  7. Strategie und Verantwortliche zuordnen (20 Minuten). Gib jedem Quadranten eine Grundstrategie und jeder Gruppe eine verantwortliche Person mit nächstem Schritt und Datum. Die Grundstrategien: oben rechts eng einbinden, oben links zufrieden halten, unten rechts abfedern und einbinden, unten links beobachten.
  8. Überprüfung terminieren (5 Minuten). Mitchell, Agle und Wood beschreiben die Merkmale als veränderlich. Setz deshalb einen festen Termin, an dem du die Map neu bewertest, spätestens vor der Verkündung.

Acht Schritte in rund 105 Minuten

  1. Entscheidung festlegen

    Ein Satz mit Maßnahme, Umfang und Datum

    Zeit: 10 Minuten

  2. Gruppen sammeln

    Still, auch nominell machtlose Gruppen

    Zeit: 10 Minuten

  3. Gruppen zerlegen

    Bis jede Gruppe gleich betroffen ist. Ergänzung von T1Leaders

    Zeit: 15 Minuten

  4. Einfluss bewerten

    1 bis 5, mit Machtgrundlage

    Zeit: 15 Minuten

  5. Betroffenheit bewerten

    1 bis 5, ab 3 hoch. Ergänzung von T1Leaders

    Zeit: 15 Minuten

  6. Einflusspfade zeichnen

    Wer würde für wen sprechen?

    Zeit: 15 Minuten

  7. Strategie und Verantwortliche

    Grundstrategie je Quadrant, Person je Gruppe

    Zeit: 20 Minuten

  8. Überprüfung terminieren

    Spätestens vor der Verkündung. Ergänzung von T1Leaders

    Zeit: 5 Minuten

Die meiste Zeit fließt in Bewertung und Zuständigkeiten. Schritt 7 braucht am längsten.

Schritt 7 braucht die meiste Zeit. Dort wird aus einer Karte eine Liste von Aufgaben mit Namen.

MerksatzSammle erst, bewerte dann. Sobald in Schritt 2 jemand sagt „Die sind doch egal“, unterbrich. Ob eine Gruppe zählt, zeigt erst die Bewertung.

Praxisbeispiel: Filialschließungen einer Genossenschaftsbank

Die Map hat den Plan verändert: Fünf statt neun Filialen schließen, vier werden zu Beratungsfilialen. Rechtliche Fragen, etwa zur Mitbestimmung, müssen im Einzelfall geprüft werden.

Beispiel frei erfunden, Zahlen zur Veranschaulichung.

Ausgangslage

Eine Genossenschaftsbank in einem ländlichen Landkreis betreibt 31 Filialen. Der Vorstand will neun davon zum 30. Juni schließen.

Jede Filiale kostet im Jahr rund 380.000 Euro Betrieb. In fünf Orten sollen Selbstbedienungsterminals bleiben, je 25.000 Euro im Jahr. Dazu kommt eine mobile Filiale für 160.000 Euro.

Die Einsparung des ursprünglichen Plans: 9 × 380.000 Euro minus 5 × 25.000 Euro minus 160.000 Euro ergibt 3.135.000 Euro im Jahr. Der Aufsichtsrat steht hinter dem Plan. Die Verkündung ist für acht Wochen nach dem Workshop angesetzt.

Teilnehmende: Vorstandsvorsitzender, Bereichsleiter Privatkunden, Leiterin Unternehmenskommunikation, Personalleiterin, zwei Filialleitungen aus betroffenen Orten, ein Mitarbeiter aus der Mitgliederbetreuung. Sieben Personen, 110 Minuten.

Verlauf des Workshops

In der stillen Sammelphase kommen 23 Gruppen zusammen, nach dem Zerlegen bleiben 10. Aus „Kunden“ werden drei Gruppen: ältere Kunden ohne Online-Banking, Firmenkunden mit Bargeldbedarf und Online-Kunden.

Von 14.200 Kunden in den neun Orten nutzen laut Bestandsdaten 3.100 kein Online-Banking, rund 22 Prozent.

Die älteren Kunden landen bei Einfluss 1 und Betroffenheit 5. Nach heutiger Aufmerksamkeit bewertet, stünden sie im Einfluss-Interesse-Raster unten links. Denn bisher weiß keiner von ihnen von dem Plan. Die Vertreterversammlung wird mit Einfluss 4 und Betroffenheit 2 bewertet: zufrieden halten, Information zur nächsten Sitzung.

Der überraschende Moment kommt in Schritt 6. Die Filialleiterin aus einem der Orte fragt, wo eigentlich die Vertreter wohnen. Der Mitarbeiter aus der Mitgliederbetreuung zieht die Liste: 41 der 180 Vertreter leben in den neun betroffenen Orten, knapp 23 Prozent.

Damit entsteht der wichtigste Pfeil der Map. Als Generalversammlung wählt die Vertreterversammlung den Aufsichtsrat und entscheidet über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat (§ 36, § 43a, § 48 GenG). Die Gruppe mit dem geringsten Einfluss hat damit einen Weg zur Spitze, über ihre Nachbarn in der Vertreterversammlung.

Über die Vertreter erreichen die Offline-Kunden den Aufsichtsrat

Einfluss / Betroffenheit

Betroffenheit 1 bis 2

Betroffenheit 3 bis 5

Einfluss 3 bis 5

Zufrieden halten: Aufsichtsrat (5/2), Vertreterversammlung (4/2), Regionalpresse (3/1)

Eng einbinden: Betriebsrat (4/4), Bürgermeister (3/4)

Einfluss 1 bis 2

Beobachten: Sparkasse vor Ort (2/2), Online-Kunden (1/1)

Abfedern und einbinden: Ältere Kunden ohne Online-Banking (1/5), Filialpersonal (2/5), Firmenkunden mit Bargeld (2/3)

Werte in Klammern: Einfluss/Betroffenheit, 1 bis 5, ab 3 hoch. Einflusspfad aus Schritt 6: 41 von 180 Vertretern wohnen in den neun betroffenen Orten. Die Offline-Kunden erreichen über sie die Vertreterversammlung, und die wählt den Aufsichtsrat.

Die Offline-Kunden stehen unten rechts. Ihr Weg nach oben führt über die Vertreterversammlung.

Ergebnis der Map

Werte 1 bis 5, ab 3 gilt ein Wert als hoch.

GruppeEinflussBetroffenheitMachtgrundlageStrategieVerantwortlich
Vertreterversammlung (180 Vertreter)42Wählt Aufsichtsrat, entlastet VorstandEng einbinden (vorher: zufrieden halten), Informationsabende in den Orten vor der VerkündungVorstandsvorsitzender
Betriebsrat44Unterrichtung und Beratung bei Betriebsänderungen, Anwendbarkeit prüfen (§ 111 BetrVG)Eng einbinden, Gespräch vor jeder Kommunikation nach außenPersonalleiterin
Bürgermeister der betroffenen Gemeinden34Öffentlichkeit, GemeinderatEng einbinden, Einzelgespräche, Räume für Beratungstage anbietenBereichsleiter Privatkunden
Aufsichtsrat52Überwacht den Vorstand (§ 38 GenG)Zufrieden halten, geänderten Plan vorab vorlegenVorstandsvorsitzender
Regionalpresse31ÖffentlichkeitZufrieden halten, Hintergrundgespräch am Tag der VerkündungLeiterin Kommunikation
Ältere Kunden ohne Online-Banking (3.100)15Keine eigene, über Vertreter und GemeindeAbfedern: mobile Filiale, Beratungstage, BargeldserviceBereichsleiter Privatkunden
Filialpersonal (46 Personen)25Über den BetriebsratAbfedern: Wechsel in Nachbarfilialen, frühe persönliche InformationPersonalleiterin
Firmenkunden mit Bargeldbedarf23Kontowechsel, lokale NetzwerkeAbfedern: Einzahlungsservice, feste AnsprechpersonBereichsleiter Privatkunden
Sparkasse vor Ort22Kann Kunden abwerbenBeobachtenBereichsleiter Privatkunden
Online-Kunden11KontowechselBeobachten, StandardinformationLeiterin Kommunikation

Ergebnis

Der Vorstand ändert den Plan vor der Verkündung. Fünf Filialen schließen ganz, dort bleiben Terminals und die mobile Filiale. Die vier Orte mit den meisten Offline-Kunden behalten eine Beratungsfiliale mit zwei Öffnungstagen pro Woche. Jede kostet 140.000 Euro im Jahr und spart damit 240.000 Euro.

Die Einsparung sinkt damit auf 2.575.000 Euro im Jahr, 560.000 Euro oder rund 18 Prozent weniger als geplant. Rechenweg: 5 × 380.000 minus 5 × 25.000 plus 4 × 240.000 minus 160.000 Euro. Dafür gehen die Vertreter mit einem Plan in ihre Orte, den sie vorher kannten.

Was die Methode hier nicht geleistet hat: Ob 560.000 Euro im Jahr ein angemessener Preis für weniger Widerstand sind, beantwortet die Map nicht. Dafür braucht es eine Abwägung mit Zahlen, etwa eine gewichtete Entscheidungsmatrix wie die Nutzwertanalyse. Die Werte von 1 bis 5 sind Einschätzungen des Teams. Auch die rechtliche Prüfung der Mitbestimmung ersetzt die Map nicht.

Wie du den geänderten Plan danach verkündest, steht unter Unpopuläre Entscheidungen kommunizieren.

Vorteile und Nachteile

Die Map macht sichtbar, wen eine Entscheidung trifft und über welche Wege diese Gruppen Einfluss gewinnen. Sie bleibt eine Einschätzung des Teams, deren Qualität vom Wissen im Raum abhängt.

VorteileNachteile
Rund zwei Stunden, kein Material außer Board und KartenWerte beruhen auf Einschätzungen des Teams
Erfasst Betroffene, bevor sie Interesse zeigenAchse Betroffenheit ist eine Ergänzung ohne eigene Studie
Einflusspfade zeigen indirekte MachtFindet nur Gruppen und Pfade, die jemand im Raum kennt
Liefert Zuständigkeiten pro GruppeWirkung auf Entscheidungsergebnisse ist kaum untersucht
Baut auf gut dokumentierten Rastern aufVeraltet, sobald sich Lage oder Koalitionen ändern
Lässt sich mit Pre-Mortem und Entscheidungsmatrix kombinierenKann als Liste von Gegnern missverstanden werden

Typische Fehler

Typische Fehler mit der Stakeholder-Impact-Map

Typische Fehler entstehen beim Bewerten und beim Weiterverwenden der Map. Die Fehler 2 und 4 lassen sich aus den Quellen ableiten, Bryson sowie Mitchell, Agle und Wood. Die übrigen ergeben sich aus der Logik der Methode.

  1. Gruppen zu grob: „Kunden“ bekommt einen Durchschnittswert und versteckt die Teilgruppe mit hoher Betroffenheit. Im Beispiel wären die 3.100 Offline-Kunden darin untergegangen.
  2. Machtlose weglassen: Gruppen ohne Einfluss fallen beim Sammeln oft weg, weil sie niemandem Probleme machen. Bryson fordert ausdrücklich, sie aufzunehmen.
  3. Interesse mit Betroffenheit verwechseln: Wer das Interesse von heute bewertet, setzt Gruppen nach unten, die noch nichts wissen. Bewerte, was sich für sie ändert.
  4. Map einfrieren: Mitchell, Agle und Wood beschreiben die Merkmale von Stakeholdern als veränderlich. Eine Map vom Projektstart beschreibt nicht die Lage am Tag der Verkündung.
  5. Einflusspfade auslassen: Ohne Pfeile bleibt die Map eine Liste. Indirekte Macht, etwa über Gremien oder Medien, wird dann übersehen.
  6. Map als Gegnerliste: Wer nur fragt, wie Widerstand zu brechen ist, nutzt die Map gegen Betroffene. Das verschlechtert die Lage, sobald die Map oder ihre Logik bekannt wird.
  7. Vertraulichkeit unterschätzen: Eine Map mit Namen und Einschätzungen ist ein heikles Dokument. Leg vor dem Workshop fest, wer sie sehen darf.

Grenzen

Wann passt die Stakeholder-Impact-Map und wann nicht?

Die Map passt zu Entscheidungen, die viele Gruppen unterschiedlich treffen und deren Umsetzung von Zustimmung abhängt. Sie lohnt sich zwischen Grundsatzentscheidung und Verkündung, solange der Plan noch veränderbar ist.

SituationEignungBegründung
Standortschließung, Filialnetz, WerksverlagerungSehr gutViele Gruppen, stark unterschiedliche Betroffenheit
Restrukturierung, StellenabbauSehr gutMitbestimmung, Öffentlichkeit und Betroffene liegen weit auseinander
Preiserhöhung, ProdukteinstellungGutKundensegmente sind verschieden betroffen
Großprojekt mit Behörden und AnwohnernGutEinflusspfade über Politik und Medien sind typisch
Krisenstab mit Stunden VorlaufGut, verkürztNur Schritte 1, 4, 5 und 7 mit vorbereiteter Gruppenliste
Rein interne technische EntscheidungSchwachWenige Betroffene, Aufwand größer als Nutzen
Akute Lage mit Minuten VorlaufUngeeignetHier helfen eingeübte Abläufe wie der OODA-Loop
Entscheidung bereits verkündet und unveränderbarUngeeignetDie Map kann nur noch die Kommunikation steuern
Auswahl zwischen mehreren OptionenUngeeignet als alleinige MethodeDie Map bewertet keine Optionen, dafür eignet sich eine Entscheidungsmatrix

MerksatzJe mehr Gruppen eine Entscheidung trifft und je weniger davon mitreden, desto eher lohnt sich die Map.

Gegenmittel

So setzt du die Stakeholder-Impact-Map um

  1. Zeitpunkt wählen: solange der Plan noch veränderbar ist.
  2. Runde zusammenstellen: mit mindestens einer Person nah an den Betroffenen.
  3. Gruppen zerlegen und Machtlose ausdrücklich aufnehmen.
  4. Betroffenheit bewerten und jeden Pfeil von unten rechts nach oben prüfen.
  5. Jeder Gruppe eine verantwortliche Person zuordnen und die Neubewertung terminieren.

Abgrenzung zu verwandten Methoden

Die Stakeholder-Impact-Map ordnet Menschen und Gruppen. Andere Methoden bewerten Optionen, suchen Risiken oder verfolgen Folgen.

MethodeLeitfrageUnterschied zur Stakeholder-Impact-Map
Einfluss-Interesse-RasterWer hat Macht, wer verfolgt das Thema?Grundlage der Map. Fragt nach Interesse, Betroffenheit ist keine eigene Achse, Einflusspfade sind ein eigenes Werkzeug
Salienz-ModellWem geben Manager Vorrang?Drei Merkmale, sieben Typen. Beschreibt die Aufmerksamkeit der Führung, keine Maßnahmen
Pre-Mortem: Risiken finden, bevor sie eintretenWarum ist das Vorhaben gescheitert?Sucht Ausfallursachen. Stakeholder tauchen dort nur als eine Ursache auf
Second-Order ThinkingWas folgt aus den Folgen?Verfolgt Wirkungsketten über die Zeit, die Map ordnet Gruppen zu einem Zeitpunkt
Nutzwertanalyse (gewichtete Entscheidungsmatrix)Welche Option ist besser?Vergleicht Optionen. Die Map liefert ihr Kriterien wie Akzeptanz
Red Teaming und Advocatus DiaboliWie würde ein Gegner den Plan schlagen?Ein Team spielt aktiv die Gegenseite, etwa eine mächtige Stakeholder-Gruppe
BATNAWas tun, wenn keine Einigung gelingt?Bereitet Verhandlungen mit einzelnen Gruppen vor, die Map zeigt, mit wem

Quellen

  1. Mendelow, A. L. (1981). Environmental Scanning: The Impact of the Stakeholder Concept. ICIS 1981 Proceedings, Article 20: aisel.aisnet.org
  2. Freeman, R. E. (1984). Strategic Management: A Stakeholder Approach. Pitman. Neuauflage Cambridge University Press 2010. Siehe Rutgers CLEO und Vorwort zur Neuauflage. Definition zitiert nach Mitchell, Agle und Wood (1997) und Bryson (2004).
  3. Mendelow, A. L. (1991). Quelle der „Mendelow-Matrix“, zitiert nach Open University, OpenLearn
  4. Mitchell, R. K., Agle, B. R. und Wood, D. J. (1997). Toward a Theory of Stakeholder Identification and Salience. Academy of Management Review, 22(4), 853 bis 886: PDF
  5. Eden, C. und Ackermann, F. (1998). Making Strategy: The Journey of Strategic Management. Sage, London. Inhalte zitiert nach Bryson (2004): strathprints.strath.ac.uk
  6. Agle, B. R., Mitchell, R. K. und Sonnenfeld, J. A. (1999). Who Matters to CEOs? Academy of Management Journal, 507 bis 525: Zusammenfassung
  7. Bryson, J. M. (2004). What to Do When Stakeholders Matter. Public Management Review, 6(1), 21 bis 53: PDF
  8. Ackermann, F. und Eden, C. (2011). Strategic Management of Stakeholders: Theory and Practice. Long Range Planning, 44(3), 179 bis 196: strathprints.strath.ac.uk
  9. Rechtsgrundlagen zum Beispiel: § 36 GenG, § 38 GenG, § 43a GenG, § 48 GenG, § 111 BetrVG

Vormerkliste

Neues zuerst erfahren

Trag dich ein, dann erfährst du zuerst, wenn es im Themenfeld „Methoden“ Neues gibt und wann das Training für Führungsteams buchbar ist. Wir schreiben nur, wenn es etwas Neues gibt.

So funktioniert die Vormerkliste